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Der lichte Frühlingsschatten

Eines muss ich zugeben – meine Lieblingsjahreszeit ist eigentlich nicht der Frühling, sondern der Sommer. Aber als Kind Mitteleuropas erwarte ich den Lenz genauso sehnsüchtig wie jeder andere und freue mich jedes Mal wie ein kleines Kind, wenn die ersten Veilchen und Krokusse Hoffnung auf längere Tage spenden, die berauschende Pracht der Magnolien ohne Frost prunken kann oder die Dichter-Narzissen mich an meine Kindheit erinnern.

Ich hab’ mal überlegt, was am Frühling, einmal abgesehen von den typischen Saisonblumen, die Stimmung im Garten maßgeblich ausmacht. Für mich ist es die einzigartige Lichtsituation unter Laubbäumen und Sträuchern. Das was im Sommer verschattet und im Herbst mit farbrauschenden Schirmen überspannt ist, zeigt sich im Frühling ausgesprochen lieblich: Das sich entfaltende Laub lässt so reichlich Licht hindurch, dass der Begriff “lichter Schatten” hierfür erfunden scheint. Außerdem sind die Blätter fast immer noch so hellgrün, dass alles leicht und beschwingt wirkt. (Vielleicht sind mir deshalb Gartenpartien mit einem Großteil von Nadelgehölzen und Immergrünen wie Rhododendren und vor allem Kirschlorbeer ein echtes Gräuel der Langeweile.)

Diesen wunderbaren Platz nehmen mit Vorliebe die allerschönsten Frühlingsblüher ein. Natürlich nicht aus ästhetischen Erwägungen – die Evolution der Pflanzen hat uns zwar hinreißende Pflanzenkunstwerke beschert, doch sie alle unterliegen dem strengen Gesetz, überleben zu müssen. Pflanzen, die unter Gehölzen blühen, nutzen dabei geschickt eine Nische ihres sich übers Jahr verändernden Lebensraums. Die meisten von ihnen wollen auf Licht nicht verzichten und treiben früh im Jahr aus, um, ehe der Schatten ab Ende Mai zu tief wird, ihren Anteil an Sonnenenergie zu ergattern. Später bietet das Laubdach wiederum Schutz vor hochsommerlichen Verbrennungen.

Allbekannt sind die bezaubernden Wild- und Gartenformen der Buschwindröschen (Anemone nemorosa) oder Lerchensporn (Corydalis), die sich nach und nach größere Flächen erobern. Meist befindet sich deren Laub aber schon im Mai auf dem Rückzug. Das macht nichts, da sich bereits weitere Frühlingsblumen ankündigen und mit ihren Blättern frei werdende Lücken bedecken. Neben den Veilchen (Viola) zeigen sich bald Maiglöckchen (Convallaria majalis). Deren Sortenvielfalt ist zwar nicht immens, aber definitiv näheres Hinsehen wert. Rosa blüht ‘Rosea’, die vergleichsweise zart erscheint. Im Garten wirkt sie nur von Nahem, doch in feingliedrigen Blumensträußen ist sie ein echter Hingucker. ‘Prolificans’ hat geschlitzte Blütenglöckchen, die sich aufzuplustern scheinen und ist ein nostalgischer Schatz. Besondes schick finde ich die Sorte ‘Striata’, deren Blätter feine weißliche Längssteifen haben. Diese bleibt aber nur dann ansehnlich, wenn sich die Pflanzen im Halbschatten aufhalten – in sommerlicher Sonne verschießen sie wie gebleichte Nadelstreifenanzüge …

Nicht ganz alltäglich ist das Blauglöckchen aus Nordamerika. Es hört auf den botanischen Namen Mertensia virginica. Die rundlichen Blätter treiben auffallend blaugrün aus und etwa im Mai erscheinen himmelblaue Blüten, deren Form und Anordnung an Lungenkraut (Pulmonaria) erinnen. Die ganze Pflanze erscheint aber deutlich nobler. Das Laub zieht im Frühsommer wieder ein – und so ist die Überraschung im folgenden Jahr, wenn sich der große Auftritt wiederholt, umso größer.

Eine der allerschönsten Halbschatten-Frühlingsblumen leitet bereits über zum Frühsommer: Das Salomonssiegel (Polygonatum). Ich kann mich gar nicht entscheiden, welche Art am schönsten ist, oder ob die weiß gestreift beblätterte Sorte ‘Striatum’ den anderen an Ausstrahlung überlegen ist. Mir gefallen sie alle, wenn sie inmitten von austreibenden Farnen und Funkien ihre Bögen aus Trieben und Blättern schlagen, an denen sich die länglichen duftenden Blütenglocken gerade wie an einer Wäscheleine aufgehängt blicken lassen. Ob klein oder groß – Salomonssiegel wirkt stets sehr nobel. Und dazu dann noch die flirrenden Lichtpunkte, die durch das immer flächiger werdende Laub auf die Pflanzen tupfen. Nicht mehr lange, und auch das Salomonssiegel steht in vollem Schatten. Spätestens dann ist der Frühling um und der Sommer regiert mit seinen eigenen Licht- und Schattenspielen. Habe ich oben geschrieben, dass ich den Sommer lieber mag als den Frühling? Ich muss verrückt gewesen sein …


Text und Fotos: Andreas Barlage