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Der Kräuter-Schaugarten entsteht (3)

Nachdem wir bis Mitte März noch Nachtfröste und hundsmiserables Wetter hatten, konnten wir in den letzten drei Wochen am Schaugarten weiter arbeiten. In den letzten Tagen kam – der Gartenbaumeister hatte es vorausgesagt – schon fast der Sommer, wie in einer Art Überfall: Hier im Norden hatten wir heute fast 20 Grad! Innerhalb von einer guten Woche haben die Zwiebelpflanzen und Frühjahrsblüher sich geradezu überboten – Crocus tommasinianus wirft seine Blüten schon hin. Am faszinierendsten finde ich jetzt Tulipa turkestiana, eine Wildtulpe mit kleinen, sternförmigen Blüten in Büscheln; sie öffnen sich nur in voller Sonne.

Die eigentliche Anlage des Schaugartens ist jetzt fast fertig – heute wurden die letzten Meter des Zauns aus gespaltener Edelkastanie gezogen. Die Heckenpflanzen – auch die natürlich zu den "Kräutern" zu rechnen: medizinale Büsche wie Weißdorn und Liguster, Apfelrose und Ilex – sind gesetzt. Jetzt fangen wir mit dem Umpflanzen aus dem "alten" Garten an, und einiges hole ich aus den "wilden Ecken" des Grundstücks: Buschwindröschen und Scharbockskraut, Gundermann und Brennnessel. Ja, Brennnessel: eine ganz wichtige Heil- und Nutzpflanze, deren Fasern man früher verwoben hat (man denke an den alten Mythos vom "Nesselhemd"!). Sie wird bei mir im Lustgärtlein stehen, denn den Brennnesselsamen wird eine starke aphrodisierende Wirkung nachgesagt.

Die streng geometrischen Formen des Schaugartens liegen jetzt, da die Kräuter noch nicht die Konturen überspielen, besonders deutlich vor Augen: Die genau berechneten Achsen der großen Wege, die sich im "Duftkreis" kreuzen; der große "Lavendelbogen" mit seiner Wölbung aus Kalkschotter und der Trockenmauer an der Südseite, der "Thymianmauer"; die großen Rechtecke vom "Klosterbezirk", mit den vier mal vier Beeten (nicht nur die Pflanzen, auch die Zahlen sind symbolisch!), und "Apotheker-Schach", ein durch Plattenwege geteiltes Quadrat mit sechzehn kleinen Beeten, in denen 64 wichtige Heilpflanzen stehen werden. Zu den Rändern des Gartens hin ergeben sich aus der regelrecht ausgetüftelten Geometrie verschieden geformte Bereiche: neben dem Klosterbereich ein spitzer "Hexenwinkel" mit Zauber- und Giftpflanzen – dass er unmittelbar an den Verweis auf die kirchliche Kräutertradition grenz, hat natürlich auch seinen Sinn: Schließlich war es vor allem die Kirche, die bis ins 18. Jahrhundert kräuterkundige Frauen als "Hexen" verfolgte. Im Süden wird eine Pergola das "Apotheker-Schach" von der "China Connection" trennen: Dort versammle ich einige von den nach Tausenden zählenden ostasiatischen Kräutern. Und zur Hecke des alten Gartens hin liegt die "Küchezeile", ein langer, schmaler Teil mit den verschiedensten Würz- und Küchenkräutern. Ihn wird eine Einfassung aus Schnittlauch säumen – in der Blüte eine der schönsten Kräuterhecken.

Ja, und dann gibt es noch das Trapez mit dem "wilden Gästen", einigen einheimischen Wildkräutern, die den Übergang des Gartens in die freie Landschaft andeuten. Zwischen Duftkreis, Klosterbezirk und Apotheker-Schach zur einen und dem Lavendelbogen zur anderen Seite hin ergeben sich die freieren Formen von Artemsien-Hang, Tee-Pflanzung, Feld- und Wiesenkräuter-Stück …
Und die Bepflanzung meiner "Mini-Macchia", einem Areal aus reinem Diabas-Schotter mit Pfaden aus grobem Bruchstein, wird ein regelrechtes Experiment werden. Jetzt warte ich auf die große Sendung mit all den Kräutern, die ich – wo denn wohl? – bei Dieter Gaissmayer bestellt habe.


Text und Fotos: Ludwig Fischer