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Der kleine Andreas und die große Zwiebel

Die riesigen Zwiebeln der Amaryllis (… jaja, ich weiß, dass es Rittersterne heißen sollte, aber hier verwende ich mal den falschen Populärnamen) zogen mich schon als Schüler der 4. Klasse in ihren Bann, die kleine Gärtnerei in unserer Straße bot sie nämlich bereits vor gut 40 Jahren an! So ganz geheuer war mir das zwar nicht, denn mein weniges Taschengeld wollte gut eingeteilt sein – und ob es mir gelingen würde, die stattliche Amaryllis-Zwiebel in eine blühende Schönheit zu verwandeln, war alles andere als gewiss. Aber ich war sehr neugierig und kratzte meine Groschen, die ich vor dem Weltspartag gerettet hatte, zu ein paar Mark zusammen und erstand eine Zwiebel von ‘Red Lion’, dem in einem warmen Rot blühenden Klassiker unter den Amaryllis, den es auch damals schon gab. Dazu kam noch ein passender Tontopf mit Untersetzer und natürlich Erde. Aber nun stand ich vor der Frage, wie ich die Zwiebel pflanzen sollte. Ein schlaues Buch mit solchen Infos war nicht zur Hand …

Etwas schüchtern fragte ich die Gärtnerin – Hannah Grothues hieß sie, ich weiß es noch genau, denn sie und ihr Mann Bernhard waren mit meinen Eltern befreundet – ob sie mir die Wunderzwiebel denn einpflanzen könne. Resolut wie die fleißige Dame nun einmal war, zeigte sie mir geschwind mit ihrem Tun, wie es geht: Über das Abzugsloch eine Tonscherbe, dann bis auf etwa die Drittel- bis Halbhöhe des Topfes Erde einfüllen. Sodann die Zwiebel dort aufsetzen und dabei die alten Wurzeln ein wenig abspreizen. Erde so auffüllen, dass die Zwiebel halbhoch noch aus dem Erdreich und Topf herausguckt und ungefähr ein Fingerbreit um sie Platz ist bis zum Topfrand. Einmal angießen – sie verwendete einen Spritzball dafür, an dem eine Art Dusche angebracht ist … ein nach meiner damaligen Wahrnehmung unerhört ausgefallenes Werkzeug – und dann sprach die Gärtnersfrau den legendären Satz: „So, und jetzt muss sie erstmal etwas tun.“ Ein Fragezeichen stand mir wohl ins Gesicht geschrieben, denn sie erläuterte den Tipp mit: „Du darfst sie erst wieder gießen, wenn der Austrieb etwa eine Handbreit aus der Zwiebel heraus ist.“

… ich hatte keine Ahnung, was genau sie damit meinte, aber ich fügte mich der Weisung in der Hoffnung, dass ich früher oder später begreifen sollte, um was genau es geht.

Etwas durcheinander kam ich mit meinem neuen Schatz nach Hause. Frau Grothues hatte versichert, dass ich die Pflanze hell und bei üblichen Wohntemperaturen aufstellen solle, und so fand sie ihren Plat z in meinem eigenen Zimmer am Fenster. Meine Mutter war beeindruckt und sagte „Ganz schön mutig, Andreas, sind Amaryllis nicht empfindliche Pflanzen?“ Oh je, das war wenig ermutigend, ich dachte prompt, dass das Ganze am Ende schief geht, hielt mich aber dennoch strikt an die fachlichen Anweisungen, tat also erst einmal gar nichts – und das über den für einen kleinen Kerl unendlich langen Zeitraum von sechs Wochen! – Meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt.

Aber das Durchhalten wurde belohnt. Die Pflanze bildete Wurzeln, ohne dass Wasser die Zwiebel zum Faulen hätte bringen können. Dann – inzwischen ausgestattet mit einem Pflegeanweisungsupdate der klugen Gärtnerin – habe ich erst ganz wenig gegossen, bis der erste Schaft ausgewachsen war und sich die einzelnen Knospen zeigten; auch der Blattschopf bildete sich nun, wie aufregend! Nun hatte sich das Wurzelsystem gut entwickelt und die Pflanze vertrug pro Woche zwei- bis dreimalige Gießgaben. Die Blüten waren prachtvoll und leuchteten wie erhofft in einem warmen Dunkelrot. Und es gab mit einem zweiten Blütenschaft sogar ein Dacapo –das begeisterte mich vollends. Es störte mich zudem überhaupt nicht, dass Weihnachten schon vorbei war, als sich die Knospen öffneten. Meine Mutter übrigens auch nicht. Sie wusste im neuen Jahr auch wohl nicht so recht, ob sie da einen „kleinen Grünen Daumen“ in ihrer vierköpfigen Söhne-Schar heranzog oder ob das Ganze Zufall war. Aber immerhin begann sie ab dieser Begebenheit, mich mehr und mehr an der Gartenarbeit zu beteiligen und wir heckten in den kommenden Jahren einiges an Beetideen aus und setzten sie gemeinsam um. Vielleicht war diese Amaryllis eine Initialzündung für mich, gärtnerisch tätig zu werden, wer weiß. In jenem Jahr wussten jedenfalls weder Hannah Grothues noch ich, dass ich eines Tages ein Jahr lang ein Praktikum in ihrer Gärtnerei absolvieren würde, ehe ich in Hannover Gartenbau studieren sollte …

Ich bin jedenfalls froh, dass Muttern mit ihrer Einschätzung, dass Amaryllis heikel seien, falsch lag. Einen besseren, leichteren Starter in ein Pflanzenhobby als diese Zwiebel kann kein Kind haben.

Wie viele Jahresendwochen sind seither ins Land gezogen, was ist nicht alles in den letzten 45 Jahren passiert? Und irgendwie ist es kein rundes Jahr, wenn ich nicht wenigstens eine Amarylliszwiebel heranziehen kann – sei es eine neue, sei es eine von denen, die ich durchkultiviert habe. Zur Zeit nenne ich ein Dutzend Zwiebeln mein eigen. Bereits fertig eingepflanzte kaufe ich übrigens niemals, das wäre nur der halbe Zauber! Nein, es muss eine trockene Zwiebel sein, die ich selbst zum Wachsen bringe, sonst „gilt es nicht“. Und jedes Mal, wenn mich aus einem Topf eine halbhoch eingepflanzte Riesenzwiebel anschaut und ich sie angieße, höre ich Hannah Grothues sagen „So, und jetzt muss sie erst einmal etwas tun“ ….


Text und Fotos: Andreas Barlage