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Der Kampf um Äpfel

Es ist noch nicht lange her, da blühten hier in Norddeutschland, so auch im Alten Land, der größten zusammenhängenden Obstanbau-Region der Bundesrepublik, die Apfelbäume. Büschel von weiß bis zartrosa gefärbten, weit geöffneten Blüten mit den typischen fünf Kronblättern der Rosengewächse. In diesem Jahr ein reicher Ansatz, und der Nachtfrost des letzten Jahres zur Blütezeit blieb den Obstbauern dieses Mal erspart.

Auch von der kleinen Obstwiese beim Kräuter-Schaugarten in Benkel – ich betreue ihn immer noch ein wenig – leuchtete es zu den Beeten herüber. Vom Baum im ›Lustgärtlein‹, unter dem Brennnesseln stehen, habe ich in meinem Nesselbuch geschrieben. Wenn die Witterung freundlich bleibt, wird er wieder überreich tragen.

Aber ich sehe die Apfelbäume mit anderen Augen, seit ich im letzten Herbst bei der ›Südtiroler Gartenlust‹ in Lana aus meinem Buch gelesen und in der freien Zeit die Umgebung der Stadt ein wenig erkundet habe. Obst-Intensivanbau bis ins Zentrum des Ortes hinein: Dicht stehen die schmalen, bis zu drei Meter hohen Spindelbäume in Reihen, so gut wie alle Plantagen sind mit Netzen gegen Hagelschlag überspannt. Ende September hatte die Ernte volle Fahrt aufgenommen, im Wortsinn: Die Trecker mit den großen Obstkisten auf den Hängern fuhren beinahe im Minutentakt die Hauptstraße entlang.

In der letzten Nacht musste ich das Quartier wechseln, Sabina Mayrhofer fand ein Zimmer auf einem Obsthof mitten in den Plantagen des Tals. Vom Fenster aus konnte ich kilometerweit in das breite Tal der Etsch schauen, bis halbwegs nach Bozen – zwischen den Berghängen fast die ganze Fläche mit Netzen überspannt: nichts als Apfelplantagen, Quadratkilometer mit Apfel-Monokulturen. Beinahe jeder vierte Apfel in den europäischen Läden kommt aus dem weiteren Umkreis von Lana, es sind nur wenig Sorten, die an den engbrüstigen Bäumchen reifen, mehrheitlich in Normgröße, perfekt gerundet, ohne jeden ›Fehler‹.

Natürlich unterhielt ich mich mit den Freunden über diesen ökologischen Irrsinn – die rasche Ermüdung der Hochleistungsbäumchen, keines wird älter als zwölf, höchstens fünfzehn Jahre; Verschwinden der einheimischen, an das Klima und die Böden angepassten Sorten; Verarmung von Fauna und Flora auch beim Obstanbau; hoher Spritzmitteleinsatz; die Spindelbäume wachsen in Wäldern von Stützpfeilern aus Beton, an Spanndrähte gebunden, weil die Stämmchen allein die Last der Früchte nicht tragen könnten.

In und um Lana sieht es so aus, wie in fast allen Regionen mit konventionellem Obst-Intensivanbau. Und in den Gegenden, wie hier in Norddeutschland, mit den Agrarsteppen der riesigen Mais-. Raps- und Weizenschläge, der Silo-Wiesen mit dem Turbo-Gras ist nicht nur der landschaftliche Eindruck noch verheerender, auch der Artenschwund, die Bodenversalzung und-vergiftung, die gigantische Überdüngung haben weithin noch schlimmere Ausmaße angenommen. »Die Landwirtschaft und das stille Sterben vor unserer Haustür« – der Untertitel des neuen Buches von Susanne Dohrn.

Aber ich hatte, trotz allem Vorwissen, in und um Lana denn doch etwas anderes erwartet, nicht diese Verhüllung, die Plantagen-Monotonie fast der gesamten Talebene, stellenweise noch ein Stück die Hänge hinauf. Ich empfand, was ich sah, als eine verstörende Desillusionierung, sozusagen ein weiterer, herber Schlag auf die große, wunde Stelle in meinem Inneren, an der ich registriere, was wir mit und in unserer natürlichen Mitwelt anrichten.

Ich stand in der Frühe auf dem Balkon und sah über eine industrialisierte Landschaft hinweg, aus dem Ozean der Schutznetze im Tal steigen seitlich die Berge, von den vielen Burgen auf den Kuppen blickt man auf die nahezu vollständig eingehüllte Talebene. Zwischen den Reihen der Spindelbäume waren schon die Arbeiter am Werke: Pflückergruppen in einigen Plantagen, in anderen bereits der Beschnitt von der hinter den Trecker gespannten Hebebühne aus, und ab und zu fuhr auch ein Gespann mit einem Spritz-Wagen vorbei – der große Ventilator am Heck.

Man hatte mir erzählt, dass je nach Witterungsverlauf bis zu dreißig Mal und mehr pro Jahr mit verschiedenen Mitteln gespritzt wird, zum Beispiel sind über sechzig verschiedene Pestizide im Einsatz, dazu Fungizide und Herbizide. Selbstverständlich sind alle für bestimmte Verwendungen zugelassen, und die Vorschriften fürs Ausbringen sind streng. Aber dass die Sprühnebel verwehen, kann niemand verhindern, und dass auch die Böden langsam vergiftet werden, ist ein gern bestrittener ›Nebeneffekt‹.

Bei der›Südtiroler Gartenlust‹ lag auch das Buch aus, das kurz zuvor erschienen war: ›Das Wunder von Mals‹ von dem Dokumentarfilmer Alexander Schiebel: Ein ganz und gar parteilicher, journalistisch aufbereiteter, streckenweise arg emotionalisierter Bericht vom Widerstand der Gemeinde Mals im Vinschgau, keine fünfzig Kilometer von Lana, gegen das Vorrücken des agrarindustriellen Obstanbaus auch in das Obere Vinschgau. Ein Bürgerentscheid in der Gemeinde hatte klar ergeben, dass Mals ›pestizidfrei‹ bleiben sollte, als erste Gemeinde in Europa. Was folgte, war ein bitterer politischer und administrativer Kampf gegen die selbstverständlich bestens, bis in die höchsten Verwaltungsränge Südtirols, ja bis auf die Ebene der EU organisierte Lobby der konventionellen Obstbauern.

In den Gesprächen abends, beim Essen nach den anstrengenden Veranstaltungstagen, erzählte man, dass der Obstbauernverband bzw. der Südtiroler Landeshauptmann gerade gegen den Verlag des Buchs und das Umweltinstitut in München, das Untersuchungen angestellt hatte und in München ein umstrittenes Plakat in einer U-Bahn-Station hatte anbringen lassen, Klagen anstrengte. Und in den Tagen nach der Gartenlust machte der Bericht die Runde, dass nun sogar Kulturen von Bio-Bauern heimlich mit Glyphosat bespritzt worden waren, bis in die Spitzen von Obstbäumen hinauf. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte später eine lange Reportage darüber. Ein Bio-Obstbauer im Vinschgau musste 500 seiner Bäume fällen, die man mit dem Pestizid besprüht hatte, seine Existenz stand auf dem Spiel.

Was haben solche skandalösen Auswüchse eines regelrechten Hasses konventioneller Landwirte und ihrer Verbände gegen die verschwindende Minderheit der ökologisch wirtschaftenden Bauern mit unseren Beiträgen in diesem Gartenmagazin zu tun? Sollten wir uns nicht den schönen Seiten des Umgangs mit den Gewächsen widmen, den nicht nur ästhetischen, sondern oft auch ökologischen ›Inseln‹ in unseren weithin geschundenen Kulturlandschaften?
Am letzten Tag meines Besuchs in Lana erfuhr ich beiläufig während der Apfelverkostung im Garten von Rudi Kerschbamer – er kultiviert auf kleiner Fläche mehr als 200 alte und jüngere Apfelsorten, dazu Birnen, Feigen und mehrere hundert verschiedene Chilis –, dass ganz in der Nähe eine Frau, die einen bescheidenen Betrieb mit Bio-Kräutern aufgebaut hatte, einfach hatte aufgeben müssen, weil man auf ihren Kräutern Rückstände der verwehten Spitzmittel aus den nahe Obstplantagen festgestellte.

Hätte ich in Benkel meine Kräuter zum Verkauf angeboten, wäre mir vielleicht etwas ähnliches passiert: Mehr als einmal waren vom nachbarlichen Maisfeld Spitznebel über den Schaugarten hinweggezogen. Als ich einen Fahrer zur Rede stellte, meinte er, ich solle ihn doch anzeigen, der Landwirtschaftsfunk habe das Spritzen »bei dem bisschen Wind« erlaubt.
Nein, unsere Gärten sind eben keine seligen Inseln, weder auf dem Lande noch in den Städten. Auch für unsere Gärten müssen wir noch viel genauer hinschauen, selbst wenn es unerfreulich wird. Und wir fangen gerade erst an zu lernen, wie abgrundtief wir gemeinhin die Pflanzen verkennen und unterschätzen – es sind hoch sensible, zu erstaunlichen Leistungen und Strategien fähige Lebewesen. Man lese die Bücher von Stefano Mancuso und Daniel Chamovitz. Wir müssen auch in den Gärten noch vielmehr vom Leben der Pflanzen verstehen, damit das allgemeine Bewusstsein von der uns umgebenden und in uns selbst wirkenden Natur sich verändert. Gerade ist ›Die Wurzeln der Welt‹ von Emanuele Coccia erschienen, ein nicht einfacher, aber umstürzend einsichtsreicher naturphilosophischer Essay über die Pflanzen, von denen alles Leben auf der Erde abhängt.

Rudi aber erzählte auch von den Hoffnungsfunken, die überall aufblitzen: Inzwischen ist sein Garten an drei Seiten von Obstplantagen eingerahmt, in denen Bio-Bauern wirtschaften. Immer mehr solche ›ökologischen› Initiativen vernetzen sich, die Projekte einer ›solidarischen Landwirtschaft‹ nehmen zu. Rudi sagt: »Ich freue mich über die positiven Entwicklungen und versuche, sie zu unterstützen; die negativen florieren auch ohne mein Zutun…«

Wenn ich die noch kleinen Apfelbäume auf der Obstwiese des Hofs anschaue, wo ich Blühstreifen ins Gras habe fräsen lassen und eine Mischung mit über 40 Wildkräutern ausgesät habe, freue ich mich an dem bisschen Blütenschnee, das sie vorläufig bieten – freue mich, auch wenn auf der Straße die Trecker mit den riesigen Güllewagen vorbeidonnern. Aus der Freude am achtsamen Umgang mit den Naturgeschöpfen haben die Bürger von Mals ihre Kraft geschöpft, sage ich mir, hoffend, dass es hier im Dorf noch genug Bienen und Hummeln gibt.


Text und Fotos: Ludwig Fischer