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Der Herbst steckt in einem zerborstenen Weinfass

Nur selten gibt es Themen und Motive in der Kunst, die lediglich von einem Künstler und auf eine bestimmte Art und Weise aufgegriffen worden sind – Stillleben gibt es daher ebenso zu Hauf und in verschiedenster künstlerischer Qualität wie Landschaftsgemälde oder Portraits. Aber nur ein Maler hat sich dem Portrait auf so ungewöhnliche Weise genähert wie Giuseppe Arcimboldo (ca. 1526- 1562): Er hat die Köpfe, die er auf die Leinwand bannte, auf unnachahmliche Weise komponiert, indem er deren Einzelheiten aus allem zusammenstellte, was Floras Füllhorn zu bieten hat!

Da nimmt ein Gesicht mit Hilfe von Pfirsichen und Birnen Gestalt an, während Kirschen unverkennbar an die Stelle des Mundes treten, eine Erbsenschote die Zähne formt und ein Maiskolben als Ohr herhalten muss! Arcimboldo hat aus den vier Jahreszeiten mit Hilfe von unterschiedlichsten Pflanzen echte Charakterköpfe gemacht, die gleichzeitig für vier Altersstufen im Leben eines Menschen, aber auch für vier Temperamente stehen, die von gut gelaunt bis hin zu griesgrämig reichen. Dieses Thema scheint es dem Künstler so angetan zu haben, dass er gleich mehrere Versionen davon malte. Hängt man die jeweils korrespondierenden Jahreszeiten (Frühling – Sommer, Herbst – Winter) nebeneinander, so blicken sich die Köpfe gegenseitig an. Jeder dieser Jahreszeitenköpfe ist dabei aus genau den Pflanzen zusammengestellt, die für die jeweilige Jahreszeit typisch sind.

Besonders sinnlich erscheint uns in diesen Tagen, in denen der Spätsommer dem Herbst die Hand reicht, die Darstellung des Herbstes. Ein üppiger Rahmen aus Blumen fasst dieses Jahreszeitenportrait ringsum ein. Die personifizierte Erntezeit hat einen Torso aus geborstenen Fassdauben, eine Hagebutte ist daran wie ein Orden befestigt. Den Kopf selbst bilden typische Herbstfrüchte: Äpfel und Birnen, Weintrauben, Feigen und ein Granatapfel, während Hals und Nacken unter anderem aus Wurzelgemüse gebildet werden. Eine aufgeplatzte Esskastanie formt keck den leicht geöffneten Mund, Getreideähren bilden Bart und Augenbrauen. „Behütet“ wird der Herbst schließlich von einer Kopfbedeckung in Form eines Kürbisses, die sich in ein Bett aus Weinlaub und Walnuss schmiegt. Immer, wenn ich diesen „Herbst“ von Arcimboldo betrachte, kommt mir wieder in den Sinn, mit welcher Fülle uns die Natur beschenkt. Seien wir dankbar für ein herrlich-sinnliches Gartenjahr und tun wir in unseren Gärten jetzt das, was diese Jahreszeit von uns erfordert, damit auch im kommenden Jahr Flora wieder ihr Füllhorn über uns ausschütten kann!

Gregorio Comanini über die Portraits von Arcimboldo:
„Wer immer du auch seist, der du mein wunderlich verunstaltetes Antlitz betrachtest und dem sogleich das Lachen an den Lippen hängt und dem sich das ganze Antlitz mit neuer Heiterkeit überzieht beim Blick auf dieses neue Ungeheuer, dem einstens in der Antike Apollos gelehrte Söhne in ihren Dichtungen den Namen Vertumnus [= Gott der Jahreszeiten] gaben, und bemerkst du bei der Betrachtung die Hässlichkeit, die mir Schönheit verleiht, so weißt du wohl noch nicht, dass Hässlichkeit jede Schönheit übertrifft.“


Text und Fotos: Antje Peters-Reimann