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Der berühmte Rosenstock zu Hildesheim

Der Tausendjährige Rosenstock ist ein bedeutendes und eindrückliches Naturdenkmal hinter der Apsis des Hildesheimer Doms. Diese mächtige uralte Rose der Gattung Rosa canina (auch Hundsrose genannt) überragt die Bögen des doppelstöckigen romanischen Kreuzganges am Domherrenfriedhof. Sie blüht überreich und in voller Pracht alljährlich während zwei bis drei Wochen zwischen Ende Mai und Anfang Juni. Ihr frischgrünes Laub ist dann von unzähligen zart duftenden, rosa-weißen einfachen Blüten überstrahlt.

Zeitig im Herbst bildet sie wunderschöne leuchtend-rote Hagebutten, die diesen Rosenstrauch auch im Winter zieren und den Vögeln als Nahrung dienen. Doch zu jeder Jahreszeit ist der hohe und dichte Wuchs des Gehölzes mit den malerisch überhängenden Trieben dieses Rosenstrauches, inmitten der mittelalterlichen Bauwerke, wahrhaft imposant.

Seit altersher wurde Rosa canina als schützende Dornenhecke um Gehöfte gepflanzt. Die Rosa canina fand zudem seit frühester Zeit als Heilpflanze Verwendung und wurde darum auch häufig in Kräutergärten angepflanzt und gehegt.

Nicht selten haben altehrwürdige Schätze ihre Legenden. So auch der Tausendjährige Rosenstock, dessen Ludwigs-Legende seit dem Mittelalter in mehreren Versionen existiert und über den Grund und Anlass zur Errichtung der Marienkapelle berichtet. Diese Marienkapelle bewirkte nachfolgend, dass das Bistum und die Stadt Hildesheim gegründet wurden.

Im Winter 1892/93 wurden in Hildesheim anhaltende Temperaturen um minus 25 Grad gemessen und man befürchtete das Erfrieren des Rosenstockes, was glücklicherweise nicht eintrat.

Am frühen Nachmittag des 22. März 1945 wurde der Dom von zwei gewaltigen Sprengbomben und von zahlreichen Phosphor-Brandbomben getroffen. Das nördliche Seitenschiff und das Mittelschiff stürzten ein und der Dom und die umliegenden Gebäude brannten. Nach zwei Stunden waren die geraden Mauerwerke des Domes vollständig in sich zusammengebrochen und einzig die bogenförmige Mauer der Apsis war nur zur Hälfte eingestürzt. Die herabgefallenen Quadersteine begruben wohl den Rosenstock unter der Erde und schützten ihn so vor der Brandhitze, während die Zweige des Rosenstrauches, links und rechts von Steinen festgeklemmt und mittig herunterhängend, vom Feuer versengt oder verbrannt wurden. Acht Wochen später im Mai 1945 brachte die Wurzel des Rosenstockes 25 neue Triebe hervor. Manch einem mag dieser Neuaustrieb des Tausendjährigen Rosenstockes wie ein Wunder erschienen sein.

Die Pflege des Rosenstockes

Seit 1945 steht der Rosenstock unter der ehrenamtlichen Aufsicht eines gewählten Rosenexperten, der bei seinen regelmäßigen Besuchen die Gesundheit des Rosenstrauches und die Gefahr von dessen Schädlingsbefall prüft, sowie dem ausführenden Gärtner Weisungen über das Gießen bei extremer Trockenheit erteilt und über einen starken Rückschnitt in Abständen von rund fünf Jahren. Der gegenwärtig amtierende Rosenexperte erklärt den Befund des Rosenstrauches so: "Schädlinge sind kein großes Problem. Die Rose ist sehr wüchsig und sehr triebig für ihr Alter."

Die Jahrgangstriebe

Die stärksten Triebe seit 1945 sind mit kleinen weißen Schildern versehen, welche die Jahreszahlen ihres Austriebes nennen. So werden die einzelnen Triebe von 1945, 1950, 1988 und 1991 erkennbar und dabei fällt auf, dass sogar zwei starke Triebe aus dem Jahr 1991 stammen.

Das Alter des Rosenstockes

In einer Chronik von 1616 steht geschrieben: „ … viele aber sind überzeugt, dass der Rosenstrauch, der hinter dem Chor der Hohen Domkirche zu sehen ist, eben genau der ist, in den Kaiser Ludwig der Fromme um das Jahr 810 die Reliquie aufhängte.“ Schon zu dieser Zeit hatte der Rosenstrauch also ein respektables Alter.

Heute ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Rosa canina die genetische Eigenschaft hat, sich andauernd selbst zu erneuern. Ihre unterirdischen Sprossen bilden fortgesetzt neue Wurzelteile als Ersatz der absterbenden alten Wurzelteile und die Vitalität ihrer Wurzel bildet ständig neue aufstrebende Triebe. Ihre andauernde vegetative Verjüngung erfolgt auf Grund ihrer besonderen Erbanlagen und ihre vegetative Vermehrung verursacht keine Veränderung ihrer Erbanlagen. Aus diesen Gründen bleibt die Rosa canina bei geeigneten Lebensbedingungen sogar während tausenden von Jahren stets die gleiche ursprüngliche Pflanze, die sich trotz gelegentlichen Verlustes aller Triebe regenerieren kann. Das Alter des Tausendjährigen Rosenstockes könnte auf Grund seiner Erbanlagen also heute sogar 1200 Jahre betragen. Zweifel daran sind erlaubt, aber für die Auffassung, seit dem Jahr 815 hätten Neuanpflanzungen zum Ersatz des ursprünglichen Rosenstockes stattgefunden, existieren keinerlei stützende Hinweise.

Die Symbolik

Die Anziehungskraft und die Ausstrahlung des Tausendjährigen Rosenstockes beruhen wohl auf seiner Schönheit und dem allgegenwärtigen Mythos der fünfblättrigen ‚Rosa canina‘ in der abendländischen Kultur. Diese Rose ist dort das Symbol für Schönheit, Wahrheit, Echtheit und Vollkommenheit. Sie vereint zudem die Vorstellungen von irdischer und himmlischer Liebe, Freundschaft, Lebensfreude, Verschwiegenheit, Zuverlässigkeit und Vertrauen.