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Das Gold der Töchter des Atlas

Volkamer und die „Nürnbergischen Hesperides“

Als Zeus und Hera heirateten, erhielten sie einen Wunderbaum mit goldenen Äpfeln zum Geschenk – wer seine Früchte aß, erhielt die ewige Jugend. Gehütet wurde der Baum in einem Garten von Nymphen, den Hesperiden, sowie dem hundertköpfigen Drachen Ladon, der niemals schlief. Lediglich dem Helden Herakles gelang es mithilfe einer List, die Äpfel an sich zu bringen, weil er diese benötigte, um eine seiner zwölf Heldentaten zu vollbringen. Nachdem dies gelungen war, brachte die Göttin Athene die Äpfel zurück in die Obhut der schönen Hesperiden. Der Sage nach waren sie die Töchter des Atlas, der das Himmelsgewölbe trug.

Von diesem antiken Mythos ließ sich der italienische Botaniker Giovanni Baptista Ferrarius (1584–1655) inspirieren und bezeichnete in seinem Werk „Hesperides sive de malorum aureorum cultura et usu libri quattor“ die Gattung der Zitrusfrüchte künftig als „Hesperiden“. Wahrscheinlich fühlte sich der Forscher angesichts der goldenen Schalen der Früchte an die Geschichte der Töchter des Atlas erinnert, obwohl im Mythos selbst die Früchte nicht näher bezeichnet werden. Seit dem Erscheinen des botanischen Werks des Italieners traten die Zitrusfrüchte ihren Siegeszug durch Europa an: an allen Adelshöfen erlag man dem Mythos des kostbaren Obstes, das aus dem fernen Südostasien in unsere Breiten gebracht werden musste und daher dementsprechend kostbar war. Doch nicht nur der Adel verfiel der Faszination der Früchte der Hesperiden, auch wohlhabende Kaufleute verwirklichten sich ihren eigenen Traum vom Paradies mit den goldenen Früchten.

Einer von ihnen war der Nürnberger Kaufmann Johann Christoph Volkamer (1644 – 1720). Im Seidenhandel und durch den Vertrieb von Messingprodukten zu Reichtum gelangt, konnte er sich seinem großen Interesse für seltene Pflanzen widmen. Im heimischen Nürnberg schuf er sich seinen eigenen „Hesperidengarten“! Dass wir von diesem Garten wissen, der einer der prächtigsten der Stadt gewesen sein muss, verdanken wir Volkamer selbst. Abgebildet ist der Garten in dem herrlich bebilderten Buch „Nürnbergische Hesperides oder gründliche Beschreibung der edlen Citronat, Citronen – und Pomeranzen- Früchte, wie solche in selbiger und benachbarten Gegend, recht mögen eingesetzt, gewartet, erhalten und fort­gebracht werden“. Der Kaufmann und Pflanzenfreund Volkamer hat mit dem Werk in den Jahren 1708 bis 1714 seine Begeisterung für Zitrusfrüchte in Buchform gegossen! Noch heute lassen die hochformatigen Darstellungen von ganzen Zitrusfrüchten uns ehrfurchtsvoll staunen: An kurzen Zweigstücken mit einem oder mehreren Blättern hängend, zeigen sich die goldenen Früchte wie herrliche Skulpturen, neben denen sich ein Schriftband mit dem Namen der jeweiligen Zitruspflanzenart windet. Basierend auf italienischen Vorbildern, sind in dem Prachtwerk jedoch nicht nur Früchte, sondern auch Gartenanlagen aus Volkamers Zeit zu sehen: Grüne Paradiese und Herrensitze aus Deutschland, aber auch Villengärten aus Italien. Gartenhistoriker schätzen heute besonders die Ansichten von verlorengegangenen Gartenanlagen aus Nürnberg und Umgebung. Auch Volkamers eigener Hesperidengarten wurde in späterer Zeit völlig überbaut und ist leider gänzlich verschwunden. Doch unter dem Namen „Hesperidengärten“ haben sich in Nürnberg noch einige Lustgärten aus der Zeit des umtriebigen Kaufmanns erhalten und sind zu besichtigen. Und in Nachdrucken von Volkamers „Hesperiden“-Buch können wir die herrlichen goldenen Früchte der Töchter des Atlas zum Glück noch heute bestaunen!


Die Abbildungen stammen von Wikimedia und sind gemeinfrei.


Text und Fotos: Antje Peters-Reimann