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Das Federgeistchen in meinem Garten

Es ist schon einige Jahre her. Auf einem Gummi-Kniekissen aus England kniete ich auf dem Kiesweg und jätete von dort das Unkraut zwischen den Herbstastern. Die Ackerwinde hatte sich um die langen Stängel der Astern gewunden. Ich konnte sie kaum entfernen, ohne eine Aster zu knicken, und aus dem dichten Wurzelgeflecht der Astern waren die Wurzeln der Ackerwinde schon gar nicht herauszuziehen. So tat ich, was ich immer in solch aussichtslosen Unkrautjätfällen tue. Ich riss die Winden dicht über dem Boden ab und beließ sie an den Stängeln. In wenigen Tagen wären sie vertrocknet, und dann würden sie sich ganz leicht entfernen lassen. Zwar wachsen sie wieder nach, doch vorerst ...

Da fiel mir plötzlich etwas kleines, zartes Weißes ins Auge. Ein winziger Schmetterling, eine Motte mit schneeweißen, an den Enden zerfaserten Flügeln:

Ein Federgeistchen! Ich erkannte es sofort, obwohl ich vorher noch nie eines gesehen hatte. Ich kannte es von Jürgen Dahl (1929 – 2001), dem bekannten Journalisten und Schriftsteller, der viel und gern über seine ungewöhnlichen Beobachtungen und Erkenntnisse im Garten geschrieben hat, einige Jahre lang auch in kraut&rüben. In seinem Buch „Der unbegreifliche Garten und seine Verwüstung“ widmet er ein ganzes Kapitel dem Federgeistchen. Er beschreibt dabei seine Einmaligkeit, so die Eigenschaft dieser winzigen Motte, ihre zum Flug ausgebreiteten weißen Flügel in Ruhestellung zu einem dünnen braunen Stab zusammenzufalten. Jürgen Dahl schickte einmal ein Foto des zusammengefalteten Federgeistchens an die Redaktion kraut&rüben. Das habe ich bis heute aufbewahrt.


Betrachtungen der Ökologie

Am Beispiel des Federgeistchens (Pterophorus nonodactylus) stellt er die Frage, ob der Nutzen in der Ökologie nicht von der Einstellung des jeweiligen Lebewesens abhängt und ob jede Pflanze, jedes Tier im ökologischen „System“ zwangsläufig einen Nutzen hervorbringen muss, wie zum Beispiel das Federgeistchen.

Jürgen Dahl: „Natürlich können die Raupen des Federgeistchens von Vögeln gefressen werden – aber wenn es das Federgeistchen nicht gäbe, würden die Vögel keineswegs verhungern. Und die Ackerwinde, deren unterirdische Rhizome ihr das Überleben sichern, wird von den Raupen des Federgeistchens, die sich von ihr nähren, nicht ernstlich in ihrer Ausbreitung gehemmt. Das heißt: Für die rechnerische Ökologie ist das Federgeistchen überflüssig bis dorthinaus.“

Dies spräche aber nicht gegen das Federgeistchen, so Dahl, doch gegen eine Ökologie, die glaubt, die vielseitigen Verkettungen des Lebens berechnen zu können. „Stürbe das Federgeistchen aus, würde dies von Ökologen nicht bemerkt werden“. Was das Federgeistchen auszeichne, sei seine Einmaligkeit.


Ein Federgeistchen auf Mangold

Leider hatte ich damals keine Kamera griffbereit, um es zu fotografieren. Doch vor wenigen Wochen, morgens beim Gießen meiner ausgetrockneten Gemüsebeete, erblickte ich es plötzlich wieder, diesmal auf einem Mangoldblatt. Inzwischen hatte ich mir ein I-Phone zugelegt, das trug ich gerade in der Hosentasche. So versäumte ich keinen Augenblick. Ich fotografierte dieses faszinierende kleine Insekt. Bald war es auch wieder verschwunden oder hatte sich zusammengefaltet und unsichtbar gemacht. Zuhause schlug ich nach, welchen Lebensraum es benötigt, wovon sich seine Raupen ernähren: Von der Ackerwinde! Die werde ich ohnehin nicht ausrotten können. Aber unter anderem auch von Rosen, Weiden und Klee. Von alldem habe ich genug im Garten und kann hoffen, dass ich irgendwann mal wieder dem Federgeistchen im Garten begegnen werde.

*Der unbegreifliche Garten und Seine Verwüstung – Über Ökologie und Ökologie hinaus, Klett-Cotta, ISBN 3-423-11029-5


Text und Fotos: Wolfram Franke