header

Chinesischer Gewürzstrauch

Mitte Oktober. Noch blühen die Chrysanthemen nicht, dafür verschiedene Astern in Hülle und Fülle. Die ersten Herbstkrokusse zeigen sich. Frost blieb bislang aus, aber die fast monatlich wiederkehrende "Eisheiligen"-Situation, ein Hoch über den Britischen Inseln, ein Tief über Polen, bringt uns Polarluft und nun wahrscheinlich doch Frost.

Schau ich mich im Lustgarten um, so werden die Augen durch ein Spiel bräunlicher, gelber und graugrüner Farben auf den Spätherbst vorbereitet. Dekorativ die Gräser und einige Goldruten. Eine kleine farbliche Sensation aber gibt es in der Nordostecke des Lustgartens: der blühende Chinesische Gewürzstrauch. An den Enden der bis 1 m langen Ruten hellviolette Ähren, rispig gebündelt, sich neigend. An den Ruten spitz-lanzettliche, gezähnte Blätter, die vom Grün ins Rote übergehen. So sehr Blautöne uns in dieser Jahreszeit überraschen, das Violett und das ins Rot verlaufende Grün harmonieren aufs vortrefflichste mit den übrigen herbstlichen Aspekten. So zum Beispiel mit dem Rot der Blätter von 'Festiva Maxima', einer Edelpäonie, Paeonia lactiflora.
Jetzt müssen wir aber auch den botanischen Namen des Gewürzstrauches nennen. Er lautet Elsholtzia stauntonii. Namensgeber und Namenspatron haben mit Berlin zu tun. Karl Ludwig Willdenow (1765 – 1812) war Direktor des Botanischen Gartens in Berlin. Als er der Gewürzstrauch-Gattung einen Namen geben wollte, da dachte er an einen seiner frühen Vorgänger, an Johann Sigismund Elsholtz (1623 – 1688). Elsholtz, ein vielseitiger Naturforscher, war beim "Großen Kurfürsten" Friedrich Wilhelm von Brandenburg tätig als botanischer Leiter der Lustgärten in Potsdam, Berlin und Oranienburg. Außerdem diente er bei Hof als Arzt und Alchimist. Der Kurfürst war der Urgroßvater von Friedrich II., dem Alten Fritz. Die Art Elsholtzia stauntonii schließlich wurde von dem englischen Botaniker George Bentham (1800-1884) beschrieben und bezeichnet. Neben vielen anderen botanischen Schriften verfasste er ein Werk über die Familie der Lippenblütler (Labiaten) und ihre Arten. Und zu den Lippenblütlern gehört auch der Chinesische Gewürzstrauch. Auch mit der Bezeichnung E. stauntonii wurde, wie im 19. Jhdt. sehr üblich, einer bemerkenswerten Persönlichkeit ein Denkmal gesetzt. Sir George Leonhard Staunton (1737- 1801) war Arzt, Orientalist, Botaniker, Diplomat und vor allem nahm er an einer ersten Reise in das Innere Chinas teil (1793/94). Man sieht, Pflanzennamen jüngeren Datums erzählen oft von Biographien und von botanischen Reisen und Entdeckungen.

Nun aber ein paar Erfahrungen mit Elsholtzia stauntonii. Es handelt sich, wie schon bemerkt, um einen Lippenblütler, wie z.B. Lavendel und Salbei. Während diese beiden aber weitgehend winterhart sind, wird der Chinesische Gewürzstrauch meist regelmäßig ein Opfer unseres Winters. Das heißt, er erfriert oberirdisch, treibt aber dann nach dem Frühjahrsrückschnitt wieder aus und blüht am neuen Holz. In gefährlich kalten Regionen wäre eine Laubschütte über Winter nicht verkehrt. "Halbsträucher", die wie Stauden bis zum Boden zurückgeschnitten werden, kommen ja häufiger vor. So erfriert die Perovskia meist auch bis zum Boden, oder Fuchsia magellanica. Selbst der Schmetterlingsstrauch, Buddleja davidii, ist oft genug oberirdisch nicht winterfest. Sie alle aber blühen z. T. schon ab Hochsommer am neuen Holz.

Zu guter Letzt ein Dufthinweis. Trotz der fortgeschrittenen und schon recht kühlen Jahreszeit duften die Blüten animalisch herb, trotzdem leicht lieblich und erinnern uns an den Sommer mit Galium verum, dem echten Labkraut. Ganz anders das Laub dieses Halbstrauches. Es hat während der ganzen Vegetationszeit minzig-zitronigen Charakter, im starken Kontrast zu den Blüten.


Text und Fotos: Christian Seiffert