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Bitte mit fremden Federn schmücken

Immer wieder staune ich darüber, warum die eine oder andere Pflanzengattung aus der Mode kommt und seltener gepflanzt wird als noch vor, sagen wir einmal 20 oder 30 Jahren. Zugegebenermaßen trauere ich nicht allen Arten hinterher, die nicht mehr nachgefragt werden. Zu sehr hatte ich mich einst an Blaufichten, Blaugras und Blauzedern in meiner Kindheit und frühen Adoleszenz gewöhnen müssen als dass ich sie heute noch lieben würde.
Dann gibt es Pflanzen, die ich in meiner Kindheit nicht mochte, denen ich aber mittlerweile etwas abgewinnen kann. Tagetes wären ein gutes Beispiel ... sie sind so verlässlich wenn es darum geht, brokate blühende Beete zu gestalten nachdem man den Anschluss verpasst hat, rechtzeitig die passenden Stauden zu setzen. Auch Pelargonien mochte ich früher nicht - und heute hege ich hingebungsvoll meine Mini-Sammlung einiger blattschöner und -duftender Sorten und mühe mich ab sie unbeschadet durch den Winter zu bekommen ... was ohne Gewächshaus gar nicht so leicht ist ...

Und was hat das alles mit Astilben zu tun?

Sie gehören für mich in die letzte Kategorie. Als junger Mann waren mir die fedrigen Blütenstände zu künstlich und irgendwie fand ich sie unpassend im Garten. Doch man(n) darf ja auch mit den Jahren klüger werden, nicht wahr? Vielleicht lag meine anfängliche Ablehnung ja auch im sandigen Boden meiner Heimat begründet, denn Trockenheit ist so ziemlich das Einzige, das Astilben gar nicht mögen. Fast alle Arten kräuseln dann ihr Laub und stellen entrüstet das Wachstum ein. Selten ist eine vertrocknete Astilbe dann noch zu retten. Ob sie nur als Staude firmiert und heimlich doch ein Gehölz ist?

Scherz beiseite! Stehen Astilben nämlich in einem Boden, der nicht völlig austrocknet, und setzt man die Pflanzen nicht jedes Jahr um, wachsen selbst kleine Teilstücke langsam aber sicher zu zuverlässigen Stöcken heran, die je nach Art und Sorte im Mai (Astilbe japonica), Juni (Astilbe x Arendsii-Hybriden) oder Juli (Astilbe chinensis, Astilbe x Thunbergii-Hybriden)  mit der Blüte beginnen und gut einen Monat lang für fedrige Farbeindrücke sorgen. Die Palette umfasst cremiges Weiß, viele Rosatöne zwischen Lachs und Pink sowie kühles Granatrot oder duffes Violett.
Neben der Blütezeit lässt sich auch die Höhe der unterschiedlichen Astilbenarten sehr gezielt einsetzen. Am kleinsten ist die bodendeckende Astilbe chinensis var. pumila die ihre lilarosa schmalen Blütenbüschel gerade einmal 35 cm hoch schickt; das wird lediglich von der Hybride ‘Christian‘ unterboten, die 20 cm erreicht. Mit 120 cm gehört dagegen die weiß blühende Astilbe x Thunbergii ‘Elegans‘ zu den höchsten ihrer Gattung.

Wer wie ich über Astilben nachliest, wird sie stets unter der Kategorie „Schattenstauden“ in Büchern und Katalogen eingemischt finden. Sie blühen dort auch recht ansehnlich und bringen Farbe in dunkle Gartenpartieen. Besonders im Gegenlicht am Gehölzrand funkelt die Töne herrlich auf. Als feinteiliger Gegenspieler zu den blattschönen Funkien (Hosta) kommen sie ja auch wie gerufen. Und doch ist das offen gestanden nicht der Auslöser gewesen, der mir die Astilben so ans Herz legte.

Der Grund ist viel profaner - zumindest, wenn man meine Gartenvorlieben kennt. Ich bin nämlich immer wieder mal auf der Suche nach den ultimativen Rosenbegleitern und habe dabei schon Fingerhut (Digitalis) und Wieseniris (Iris sibirica) auf das Treppchen gehoben. Als dritte im Bunde fiel mir die Astilbe in die Hände. Jaja, und das obwohl sie in der Sonne kritisch werden kann. Es ist aber ganz einfach: Geben Sie ihr den gleichen Standort wie der Rose - also Sonne UND ausreichend feuchten Boden. Sie werden sehen, wie passgenau zu den Rosenfarben Weiß, Rosa, Violett und Purpur bis Rot die Astilben stehen - sie wachsen dort williger als so mancher Lavendel. Am besten gefallen sie mir zu Strauchrosen, die zur Sicherheit im Sommer noch etwas Schatten spenden können. Bei Beetrosen ist es eine Sache der Mengenverteilung, denn Astilben können aufgrund ihrer Farbintensität kleinblumige Rosensorten in Einzelstellungen gestalterisch überfahren. Geradezu hinreißend ist es, wenn sich die Edelrosen-Diven Federboas aus Astilben umlegen. Die hohe rosafarbene ‘Wedding Bells‘ etwa nimmt es dabei mit Astilbe Arendsii-Hybride ‘Cattleya‘ in Form und Farbe locker auf.

Einmal auf Astilben aufmerksam geworden, gab es kein Halten mehr und mir gefielen auch die konventionelleren Kombinationen immer besser. Natürlich fehlen hier die üblichen Verdächtigen der Barlag’schen Gartengestaltung nicht – also dunkellaubige Heuchera-Sorten,  der bereits erwähnte Fingerhut, Hosta, Eisenhut (Aconitum) und Farne als Schattentrickser. Im Sonnenbeet verzichte ich ebenfalls schon lange nicht mehr auf Astilben; ein klares Zeichen, dass ich in den vergangenen 12 Jahren immer auf bindigen, gut Wasser haltenden Böden gegärtnert habe. Und so blühen Astilben nun dort mit Indianernesseln (Monarda), Taglilien (Hemerocallis), Margeriten (Leucanthemum maximum) und Herbstanemonen (Anemone japonica, Anemone hupehensis) um die Wette.

In meinem Eifer gingen mir aber langsam noch einige Kronleuchter in Sachen Astilben auf. Beispielsweise war ich völlig verblüfft, zu erfahren, dass diese Pflanzen immer weniger in Staudengärtnereien gekauft werden. Ob es daran liegt, dass sie eine gewisse Weile brauchen, bis sie sich so etabliert haben, dass sie unzerstörbar (und unersetzlich) im Beet geworden sind? Gärtner haben doch eigentlich Geduld ...
Dann fiel mir auf, dass ich gerade Astilben blühend oft in Baumärkten oder Gartencenter-Ketten finde. Sehr seltsam! Hier sind die Pflanzen natürlich prachtvoll; sie sollen schließlich zum Kauf verführen. Aber ob sie nach der Schnellkultur im Gewächshaustopf sich wirklich im Garten gut einwachsen ist ungewiss ... erst recht, wenn sie erst zur Blütezeit gesetzt werden. Vielleicht sollte ich mich mal mit einem Protestschild vor Baumärkte anketten und so etwas wie „Pflanzenmissbrauch“ anprangern ...

Aber was noch auffällt ist die verschobene Blütezeit. Während ich das Gros der Astilben eigentlich als typische Hoch- bis Spätsommerpflanzen wahr genommen hatte die sogar noch den Herbst einläuten, ändert sich das Bild längst. Ähnlich wie Herbstanemonen, die seit einem guten Jahrzehnt bereits ab Juli blühen, scheinen auch Astilben sich für einen früheren Blühtermin entschieden zu haben. Ich bin versucht, es dem allseits spürbaren Klimawandel zuzuschreiben, allerdings ist das eher eine Bauch-Vermutung und nicht durch wissenschaftliche Studien untermauert.

Sei es wie es sei. Die fedrigen Püschel, die eher an den Schmuck tropischer Vögel als an Pflanzenblüten erinnern sind bei mir „gesetzt“. Schließlich lassen sie sich vielfältiger einsetzen, als man auf den ersten Blick annehmen möchte.


Text und Fotos: Andreas Barlage