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Worte schaffen mehr Bilder als Bilder

Wir kennen das aus Hunderten von Artikeln – im Winter hat der Gärtner nichts zu tun und tröstet sich damit, endlich zum Lesen von Katalogen und Gartenbüchern Zeit zu haben. Im Winter lernen, im Sommer anwenden, das hat Logik. Das mache ich auch und habe mich sogar auf die fast vergessene Methode des gegenseitigen Vorlesens verlegt, mit der seltenen, aber anstrengenden Folge, nach einem Kapitel gefragt zu werden zu einem Detail, was die Lesende gespeichert hat. Meist zeitigt das Vorlesen vielmehr die schöne Begleiterscheinung, dass man sich zusammen amüsiert, bzw. es ist eine schöne Erfahrung festzustellen, dass man sich über die gleichen Dinge amüsieren kann. Dies wiederum kommt auf die Literatur an – und damit komme ich zum praktischen Teil dieses Aufsatzes: zu einer Autorenempfehlung.

Jemand, der selbst dann und wann etwas zwischen Buchdeckel zwingt, wird von fremden Gartenfreunden manchmal gefragt: „Was lesen Sie denn so? Im Winter?“ Im vergangenen Jahr lautete die Antwort etwa: „Fitzgerald, Der große Gatsby.“ Oder: „Fitzgerald, Die Schönen und Verdammten.“ Oder: „Twain, Knallkopf Wilson.“ „Nein nein, Gartenbücher meine ich,“ geht’s dann weiter. Dann wird es eng. Rückfrage: „Sie meinen Ratgeber, Sachbücher, was mit Tipps und Tricks und schönen Bildern?“ „Ja ja, genau!“ Im letzten Jahr habe ich nichts mit schönen Bildern durchgeackert. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Worte, sofern sie gut gewählt wurden, bedeutend mehr Bilder erzeugen als geknipste Bilder. Und wenn man dann nach dem Vorlesen den Anderen noch danach fragt, wie er sich dieses oder jenes genau vorstellt, gibt es nochmal eine weitere Portion Bilder dazu. Wichtig dabei: Diese Bilder entstehen aus Erfahrungen und Wunschvorstellungen – einer idealer Nährboden für prächtige Zukunftspläne, besser als jedes Bild der Beckers, Brands, Majerusse und wie sie sonst noch heißen. Und Tipps hole ich mir direkt von anderen Leuten, mündlich. Das bleibt dann auch hängen.

Also, zur Autorenempfehlung, ohne damit sagen zu wollen, dass der Autor der Einzige sei, der es wert sei, jetzt im Winter gelesen zu werden. Aber bevor Sie Ihre wertvolle Zeit mit Zweit- und Drittklassigem vergeuden, soll der Hinweis gestattet sein. Ich, beziehungsweise wir, sind gerade beim vierten Buch des englischen Erzählers, Drehbuchautors, Journalisten und Komponisten Beverly Nichols, alle hintereinander vor- und weggelesen. Dieser in den 80ern mit 85 Jahren viel zu früh verstorbene Mann brachte es wie kein zweiter fertig, als Schriftsteller die Gartenprosa zum erfolgreichsten Baustein seiner Karriere zu machen. Er hatte in seinem viel zu kurzen Leben eine große thematische Bandbreite, aber der Erfolg und das was bleibt, geht auf die Gartengeschichten zurück. Und das könnte einen Grund haben. Nichols hatte Mut und das geschrieben, was er wollte und nicht das, von dem er annahm, dass es die Leser (innen!!) erfreute. Und es war neu, er kaute nichts nochmal und nochmal wider. Geschichten zum Giersch finden sie bei ihm ebenso wenig wie Anmerkungen, dass der Garten der größte Luxus unserer Tage oder das Gärtnern Sex für Oma und Opa ist.

Nein, Nichols schreibt, in eine romanhafte Handlung eingebettet, Seltsames, aber gleichsam Denkwürdiges. Er stellt etwa die Frage: „Waschen Sie Ihre Kamelie, Ihren Flieder, Ihren Lorbeer? Blatt für Blatt? Nein? Falls nicht, sind Sie ein roher, gedanken- und herzloser Mensch!“ Er schreibt amüsant brandmarkend über „Gartentinneff“, und dann schätzt man gleich grob die Zahl der BesucherInnen von Gartenfestivals und Dehner-Centern, die er damit ertappt. Und genauso treffend zielt er auf die Auftraggeber, die dem Fachmann, dem Gärtner ständig auf die Finger gucken und alles besser wissen. Aber er gibt auch wertvolle Tipps, gestalterische, hortikulturelle und vor allem, wie man die Welt mit anderen Augen sieht. Etwa Katzen, seine Lieblingsvierbeiner. Bevor der Lobgesang hier beendet wird, hat das Buch „Down the garden path“, im Deutschen unter „Große Liebe zu kleinen Gärten“ erschienen, eine Erwähnung verdient. Es war sein Erstlingswerk, das vom Zeichner Rex Whistler garniert wurde und erzielte 32 Auflagen. Mit Gartenliteratur! Zum einen ist diese Art der Illustrationen eine Erwähnung wert. Ja ja, sie ist altmodisch, bietet aber Raum für Fortsetzungen im eigenen Gehirn. Schade, dass die Zeiten der gefühlsgesteuerten Schwarzweißskizzen vorbei sind. Und mit der zweiten Anmerkung komme ich dann zum Schluss. Es geht um das Prinzip der unerschrockenen Formulierung. Was halten Sie zum Beispiel davon: „Meine hauptsächlichste Beschwerde gegen Gartenliebhaberinnen besteht darin, dass sie so entsetzlich lügen, wenn es sich um ihre Gärten handelt. Eine Frau hasst dich ebenso intensiv, wenn du dir erlaubst, ihre Staudenrabatte zu kritisieren, wie wenn du ihren liederlichen Sohn kritisieren würdest. Genau so wie sie immer …“ Stopp! Mehr wird nicht verraten. Die Nichols-Bücher sind bei Schöffling neu aufgelegt worden. „Große Liebe zu kleinen Gärten“ allerdings nicht. Noch nicht.


Text und Fotos: Stefan Leppert