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Bergenien

“Andreas, ich hab’ hier was für dich – diese Pflanzen kannst du überall hinpflanzen, die wachsen immer.” Dass ich diese Worte zu Bergenien noch behalten habe … schließlich ist es etwa 35 Jahre her, als ich im Schrebergarten von Freunden meiner Eltern saß. Als Teenie war ich bekanntlich bereits gartenbegeistert und suchte damals schon immer nach neuen Pflanzen, die problemlos in meinem Garten gediehen. Nenntante Grete und Nennonkel Hermann aus Hildesheim (meine Mutter stammte aus dieser hübschen Stadt) waren bei uns vier Brüdern übrigens ungemein beliebt, denn Hermann war Bäcker und Konditor. Er brachte uns bei, wie man Mohrenköpfe – damals durfte man Gebäck noch politisch unbefangen benennen – fachgerecht zu sich nahm mit den Worten: “Finger reinstecken, dreimal umdrehen und abessen!”. Das haben wir freilich auch auf die etwas profaneren Schaumküsse übertragen, die damals noch ihren heute politisch inkorrekten Namen trugen. Aber ich schweife ab, denn es soll ja um Bergenien gehen. Das waren nämlich die Pflanzen, die “Tante” Grete uns zu unserem Wochenendgepäck an einem Sonntagabend im Mai in den Kofferraum des beigefarbenen Mercedes packte. Ich solle sie einfach einpflanzen, den Rest würden die Pflanzen von selbst erledigen. Ich hatte den Verdacht, dass sowieso keine Pflanze Grete in ihrem Garten widersprechen würde, denn die Dame hatte nicht nur den Vornamen, sondern auch das Charakteristikum “Herz mit Schnauze” mit einer gewissen Schauspielerin namens Grete Weiser gemeinsam.

Ehrlich gesagt war ich nicht wirklich begeistert von den Bergenien. Es handelte sich nämlich um die Ausgangsart Bergenia cordifolia, die nach meinen Begriffen, sagen wir mal, rustikal wirkte. Die ledrigen Blätter entsprossen einem verholzten Wurzelstock, der bei Tante Gretes alten Pflanzen bereits auf dem Boden mäanderte und ein eher scheußliches Geflecht bildete. Die Blätter waren eingerissen und überall hafteten schwarz gewordene Zeugen abgestorbener Pflanzenteile an. Die Blütenstiele waren gut tischhoch und etwas schütter. Spätfröste hatten etlichen Blüten den Garaus gemacht. Ich stand mehr auf die spektakulären Gartenstars wie Rosen, Päonien, Iris, Lilien und Taglilien sowie Chrysanthemen. Da waren solche Pflanzen eher die hässlichen Entlein ohne jede Chance auf eine schwanenhafte Metamorphose. Aus Höflichkeit gegenüber Tante Grete und weil ich genau wusste, dass sie den Garten beim nächsten Gegenbesuch genau inspizieren würde, setzte ich die Bergenien an den äußersten Rand des Gartens zwischen die damals modischen, neu gepflanzten serbischen Fichten, die ich ebenfalls noch nie leiden mochte. Die Bergenien erledigten ihren Job zufriedenstellend, bedeckten also den nackten Boden und hielten das Unkraut fern. Bei milden Frühlingsverläufen fanden die Blütenstände sogar Gnade vor meinen Augen und denen meiner ästhetisch veranlagten Mutter und wir gewährten ihnen einen Vasenplatz zwischen Tulpen und Narzissen, was gar nicht einmal so schlecht aussah. Und makellose Blätter umrandeten so manchen Sommerstrauß. So gesehen war meine Beziehung zur Bergenie eine pragmatische Zweck-Ehe mit gelegentlichen, wenn auch seltenen Highlights.

In den 80er Jahren nahm ich mein Studium des Gartenbaus in Hannover auf. Jeder, der Hannover kennt, weiß, dass neben der einschlägigen Fakultät der Berggarten liegt – und dort konnten in der reichhaltigen (und beschilderten) Staudenpflanzung Garten(bau)novizen wie ich Züchtungen live erleben, die man sonst nur aus Pflanzenbüchern kannte. Hinsichtlich der Bergenien öffnete mir das die Augen, denn im Vergleich zur ebenfalls im Berggarten wachsenden Stammart zeigten sich die Züchtungen deutlich manierlicher. ‘Rosi Klose’ war etwa ein solcher Kandidat. Die Pflanzen blieben sehr schön kompakt, die Blätter waren rundlicher und lange nicht so “flatschig”, die Blütenstände standen auf etwa 30 cm langen Stielen und waren ebenfalls rundlich und nicht so unproportioniert ausschwingend. Ihre Farbe schimmerte in einem Joghurtbonbonrosa und ich fand sie ebenso süßlich. Doch in der soften Frühlingsgesellschaft machte sie sich hübsch. Größer wurden die weißlich blühenden Sorten, allen voran ‘Silberlicht‘ und ‘Schneekönigin‘, die ich natürlich wegen der Farbe liebte. Allerdings hält sich das Weiß nicht wie mit Ariel gewaschen bis zum Verblühen, denn die Blüten färben sich zu einem Roséton um … als hätte man ein rotes Hemd mit den weißen Handtüchern mitgewaschen, um im Bild zu bleiben. Zu den vielen Gelbtönen im Frühjahr eine Entgleisung! Und die Pflanzen ähnelten denn doch eher denen aus Gretes Hildesheimer Garten. Aber es gab noch weitere interessante Sorten – etwa ‘Baby Doll‘, die ebenfalls zartrosa blüht, aber so ziemlich die kompakteste Züchtung sein dürfte.

Der erste Winter an der Uni kam und ging – und mir und meinen Studienfreunden fiel auf, dass viele, wenn auch nicht alle Bergeniensorten ziemlich grün durch den Winter gingen. ‘Baby Doll’ zeigte sogar einige schöne rotbraune Blattzonen und eine Sorte, bei der das Schild verschollen war, färbte sich sogar blutrot. Nun hatten wir alle im kommenden Semester andere Flausen im Kopf und die akademischen Anforderungen stiegen gleichzeitig. Meine Besuche im Berggarten wurden sporadischer und ich hatte Bergenien nun gerade nicht mehr im Blick – aber im Hinterkopf. Aus welchen Gründen auch immer habe ich sie in fast jeden Garten, den ich für mich oder andere geplant habe, mit eingegliedert – vor allem die zuckersüßen Kompakten. Mir gefiel besonders das rundliche, feste Laub zu den zarteren Gewächsen wie Küchenschellen, weißen Engelstränen-Narzissen, Lerchensporn und Farnen: das funktionierte immer. Lediglich die Blüte konnte stark leiden, wenn es Spätfröste gab, aber ich war ja auch eher auf den Blattschmuck aus. Irgendwie besteht eine Seelenverwandtschaft hinsichtlich der Verwendung von Bergenien mit der von den behäbigen Fetten Hennen … die sind auch so unverwüstlich.

Doch bei beiden Gattungen wurde weiter gezüchtet und hier wie dort gab (und gibt) es Neuheiten, die viel versprechen. So leistete ich mir eines Tages die angeblich hinreichend weiß bleibende Sorte ‘Brahms’. Sie war zwar wirklich schön – obwohl auch sie sich leicht rosé verfärbte. Doch die Pflanzen gebärdeten sich leider ziemlich heikel; anscheinend mögen sie keine strengen Winter. Nanu? Für mich waren Bergenien doch Schwerarbeiter! War Streik angesagt und ich hatte nichts davon mitbekommen? Vermutlich sind in die “Show-Sorten” Arten eingekreuzt, die nicht ganz so hart im Nehmen sind wie Bergenia cordifolia. Das verlieh meiner keimenden Bergenien-Sympathie einen ziemlichen Dämpfer, zumal ich herausbekam, dass sie gar nicht mal so schattentauglich sind wie angenommen. Je dunkler sie stehen, desto weniger blühen sie und desto lappiger und langstieliger wird das Laub.

Ich befand mich schon auf dem geordneten Rückzug von den Bergenien, als mir Dieter Gaissmayer mal wieder eine mir unbekannte Pflanze ins Paket schmuggelte. Die Bergenie ‘Eroica‘. Er prophezeite mir ein Aha-Erlebnis im Winter und sollte Recht behalten. Nicht nur, dass das Laub erhalten bleibt, wenn es eine Weile friert – es wird sogar tief blutrot. Ob das die Sorte ohne Namen aus dem Berggarten war? Hinzu kommt, dass ‘Eroica’ vergleichsweise spät ihre tief rosaroten Blüten öffnet und diese dann von Spätfrösten verschont bleiben. Ich war schwer begeistert und ‘Eroica’ gehört seitdem zu meinem unverzichtbaren Repertoire in jedem Garten. Zugegeben, andere ähnlich gute Sorten wie ‘Oeschberg‘, ‘Abendglocken‘ oder ‘Admiral‘ erweisen sich auch als frostschön und damit gartentauglich – doch, warum auch immer, ‘Eroica’ bleibt mein Favorit. Ob es am Namen liegt – ich liebe Beethoven und seine Symphonien. Er hat bei der Benennung übrigens kein “t” im Namen vergessen. Wikipedia berichtet zumindest, dass diese 3. Sinfonie des klassischen Meisters “Heroische Symphonie” betitelt wurde, was dann zu einem “Eroica” zusammenschmolz. Natürlich füge ich hingegen gern doch auch mal ein “t” mit in den Namen ein, zumindest gedanklich. Ich hätte nämlich nie gedacht, dass ausgerechnet Bergenien so aufregend sein können…


Text und Fotos: Andreas Barlage