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Bartiris

Nur wenige Pflanzenarten bzw. Sortengruppen einer Gattung weisen ein so reiches Farbenspektrum auf wie die Bartiris. Davon war allerdings am Anfang meiner Gärtner-Laufbahn nur sehr wenig zu spüren bzw. zu sehen … und im elterlichen Garten gar nichts. Zumindest bevor ich dort Einfluss auf die Pflanzenausstattung nehmen konnte. Bartiris waren nämlich im Westfalen der 70er Jahre (noch) nicht in Mode. Als ich über den Gartenzaun sah und feststellte, was die nähere und fernere Nachbarschaft so für Blumen hatte, wurde ich zwischen Mai und Juni immer ziemlich hibbelig, denn ich machte immerhin erst einmal aus der Ferne Bekanntschaft mit den bäuerlichen Gartenveteranen der bärtigen Regenbögen. Erstaunlich, was man mithilfe selektiver Wahrnehmung alles findet…

Der Iris-Bart findet sich übrigens auf der oberen Zone der drei Hängeblätter und dient gemeinsam mit der oft feinen Zeichnung drum herum als Wegweiser für Insekten in Richtung Nektar, sprich Befruchtung. Sehr oft bildet die flauschige Zier einen schicken Kontrast zu den brillanten Farben der seidigen Blütenblätter.

Bauerngarten-Bartiris sind vor allem eines: ganz und gar nicht zimperlich. Der Boden darf mager sein, gelegentlich wird sogar Halbschatten vertragen und sie wachsen in alle Himmelsrichtungen. Viele alte Arten und Zufalls-Sämlinge aus längst vergangenen Zeiten finden sich unter ihnen. Die zartgelbe Iris flavescens etwa rührt vermutlich aus einer Liaison zwischen der Bleichen Schwertlilie Iris pallida und der Bunten Schwertlilie Iris variegata.

Nicht ganz preußisch blau, aber doch wenigstens lila blüht die ebenfalls unverwüstliche Iris germanica. Ich bin allerdings nicht ganz sicher, ob es diese Deutsche Schwertlilie war, die ich eines schönen Tages in Nachbars Garten sah, oder nicht doch die Iris spectabilis, meine Erinnerung ist da etwas nebulös – und als Jugendlicher hatte ich einst sehr wenig Detailwissen. Eines Tages, ich glaube es war Christi Himmelfahrt, denn die Geschäfte hatten zu, sah ich in einem Garten neben einem Tante-Emma-Laden (…der in Wahrheit ein „Onkel-Bernhard-Laden“ war…) einen Pulk sehr seltsam blühender Iris. Solche Farben hatte ich bei Blumen noch nie gesehen: Der Dom war in einem rosig angehauchten, gedeckten, pastellenen Braunviolett und die Hängeblätter purpurn-kastanienfarben. Sie wirkten unerhört exotisch! Da sie nahe am Zaun standen, konnte an dem frühen Junitag jeder Passant den süßen, intensiven Duft wahrnehmen. Er hatte eine Fruchtnote. Erst Jahrzehnte später, als ich diese Iris wiedertraf, wusste ich, dass es sich um die Holunder-Iris Iris sambucina handelte, die ihren Namen von ebenjenem Duft hat.

Ich hatte mich damals nie getraut, bei diesem oder jenem Nachbarn einfach zu klingeln und um einen Ableger zu bitten – glauben Sie mir, heute bin ich deutlich direkter. Doch als Spätpubertant ist man denn doch eher genant. Irgendwie erschien es mir zu aufdringlich. Daher sparte ich mein Kleingeld, um per Prospekt einmal Bartiris zu bestellen. Die Bilder ließen meine Kleinstadt-Bekanntschaften allerdings sehr provinziell aussehen. Unglaublich, welche Blütengrößen und Farben lockten! Auf diesen übergroßen Schlüsselreiz bin ich hereingefallen wie der Frosch auf die Riesenfliege aus Plastik – allerdings ohne mich zu verschlucken. Besonders die Riesenblumen mit den abstehenden Hängeblättern hatten es mir angetan. Die schöne Katalogwelt unterschied sich allerdings drastisch von den regenreichen Frühsommerverhältnissen in der norddeutschen Tiefebene. Ich bekam nach einer Weile heraus, dass viele der prächtigen Irissorten Schönheitsköniginnen der US-amerikanischen Südstaaten sind. Wer einmal „Vom Winde verweht“ gesehen hat, weiß, wie zickig sie sein können – mit Scarlett O’Hara würde ich auch nur unter Protest zusammen leben wollen. Bei den Bartiris trennte sich dann auch die Spreu vom Weizen sehr bald und ich lernte, bei Katalog-Angaben auf Begriffe wie „wetterfest“, „zuverlässig“ oder „seit Jahren/Jahrzehnten bestens bewährt“ zu achten – es blieben immer noch sehr schöne Sorten übrig. Mittlerweile ist der Züchterfortschritt ein Stück weiter und die guten Staudengärtnereien selektieren konsequent die heiklen Diven aus – ganz nach dem Motto von Billy Wilder (oder war es Alfred Hitchcock?) „Kill your Darling“, wenn es dem ganzen Film gut tut.

So ganz nebenbei entdeckte ich, dass die unterschiedlichen Sorten verschiedene Blühtermine haben. Die niedrigen, etwa 30 cm hohen Bartiris-Sorten sind die frühesten und laufen unter der Bezeichnung Iris barbata-nana. Danach schließen sich die Iris barbata-media-Sorten an, die rund halbmeterhoch wachsen. Den krönenden Abschluss des Blütenfestivals machen die hohen Iris barbata-elatior, von denen einige Sorten die Metermarke knacken. Damit sie nicht knicken, sollte man sie im späten Knospenstadium vorsichtig stützen. Von meiner Schwelgezeit in den großblumigen Bartiris sind noch einige Favoriten hängen geblieben: 'Vitafire' mit ihrem wunderschönen warmen bräunlichen Rot und den glatten Blütenblättern ist eine von ihnen und die nachtblaue 'Superstition' hat zwar gewellte Blütenblätter, ist aber recht robust, duftet himmlisch süß und blüht sehr spät. Von den ungewöhnlichen Farbsorten gefällt mir die freche 'Feu de Ciél' im peppigen Mandarinensaft-Farbton am besten. Sehr früh blüht die niedrige ’Toskanerprinz’ in frischem Gelb. Bei den Media-Sorten komme ich nicht an der gletscherblauen 'Morgendämmerung' vorbei – sie erscheint mir als Prototyp der hellen Iris – nur um einen Tick vollendeter.

Welche Sorte in welcher Größe und Farbe auch immer Sie bevorzugen und wählen, eines bleibt gewiss: Die Bart-Iris ist und bleibt ein Star – eine unwiderstehliche, facettenreiche, in allen Regenbogenfarben schillernde Gartengöttin. Wer sie einmal kennengelernt hat, wird verzaubert sein und nie wieder auf sie verzichten wollen.

Und nun noch ein Aufruf in eigener Sache: Wer kennt diese Bartiris (auch oben im Banner abgebildet)? Denn eine 'Député Nomblot', wie ursprünglich angenommen, ist es wohl nicht…


Text und Fotos: Andreas Barlage