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Auf zu neuen Ufern

Goldener Oktober – ja, tatsächlich es gibt auch schöne Herbsttage. Zugegeben, nach einem herrlichen Septemberurlaub auf den Kanaren ist es schon ein kleiner Kulturschock, respektive Wetterschock, das Klima nördlich der Alpen zu erleben. Aber Helios strahlt heute vom Himmel. Ich stehe in meinem Garten und höre die Klagen meiner Blumenzwiebeln, die endlich in die Erde wollen. Gemach, murmele ich ihnen zu. Die, die es ganz eilig haben, sind bereits gepflanzt und das Heer der Tulpen und Krokusse, das einen Frühlingsfarbenrausch bieten soll, will zwar endlich Wurzeln schlagen, ist aber noch bis weit in den November einsatzbereit. Natürlich habe ich mal wieder mehr Blumenzwiebeln zur Hand als geplant, aber ich genieße diesen Reichtum und beherzige den Spruch von Claudia Gölz, einer fähigen Marketing-Lady der Grünen Branche, die mal sprach „Tulpenzwiebeln sind ein Versprechen für den Frühling“.

Das Handy klingelt. Nanu – eigentlich habe ich es nie im Garten dabei. Was soll’s; ich gehe ran, zumal Dieter Gai?mayer sich meldet. Wir kommen ins Plaudern, lassen die letzte herrliche Gartenlust Revue passieren und ich schwärme von meinen tollen Lilientulpen, die ich zu pflanzen in Begriff bin, nachdem ich auch Kükendraht entsprechende Schutzvorrichtungen gebastelt hatte. „Was hast du noch vor zu setzen“, fragt Dieter mich. Ich zählte meine Schätze auf und warte stolz auf lobende Zustimmung meiner exquisiten Auswahl. Anerkennende Bemerkungen hier und da. Und dann der Einwurf „… kennst du eigentlich Sternblumen; botanisch Ipheion uniflorum ‘White Star’?“. Rätselndes Zögern… „nein“, gebe ich zu. „Die ist bei uns völlig winterhart und blüht über einen langen Zeitraum mit bezaubernden kleinen cremeweißen Sternen im Mai… wir sind hier absolut begeistert von ihr…“. Im Geiste krame ich meinen Gehirnkasten durch und mir kommt so gar nichts sternblumiges in den Sinn. Naja, man kann ja auch nicht alles kennen. „Und dann haben wir auch mit Triteleia sehr gute Erfahrungen gemacht.“ schwärmt Dieter weiter. Siegessicher konterte ich: „Ja, die kenne ich. Im Studium (vor 25 Jahren!) haben wir die blau blühende Triteleia laxa, man kennt sie auch als „Brodiaea laxa“, genauestens untersucht. Aber die galt nicht als winterhart.“ Gerade wollte ich weiteres gut abgespeichertes Wissen über diese optische Miniaturausgabe von Agapanthus rezitieren, das stoppt mich mein lieber Freund sanft und bestimmt. „Neeeein – ich meine Triteleia ixioides ‘Starlight’. Die blüht zartgelb, und das über sechs Wochen Ende Mai bis weit in den Juni.“ Ich schlucke. „Ist die denn winterhart?“, versuche ich noch einen Rest an Fachwissenswürde zu verteidigen. „Klaro, wenn sie in einem durchlässigen Boden in der Sonne wachsen darf. In unseren Schaubeeten ist sie fantastisch zu violett blühenden Stauden im Frühsommer, sie ist bei uns bereits seit Jahren ein zuverlässiger Begleiter im Staudenbeet.“

Wie konnte das geschehen? Trotz sorgfältiger Suche nach den schönsten, besten und ausgefallensten Zwiebelblumen sind mir diese Schätze entgangen? Und dann setzt Dieter noch einen drauf und erwähnte Fritillaria uva-vulpis. Dieses glockenartig blühende Gewächs mit den mysteriös kastanienfarbenen, ockergelb gerandeten Blüten, das so aussieht wie ein Blumenaquarell auf Pergament aus dem Mittelalter. „Diese Fuchsglocke ist super zum Verwildern, solange der Boden nicht völlig austrocknet.“ Hmm… da klingelt etwas. Sofort habe ich einen Platz im Garten in den Sinn, wo sich dieses Blümelein bestens machen würde. Aber auch da muss ich kleinlaut gestehen, dass ich auch diese Zwiebelchen beim besten Willen nicht in meiner Sammlung finden kann. Verflixt! Bin ich so ein konventioneller Zwiebelfreund, dass ich in den Sortimenten der großen, auffälligen Blüten hängen geblieben war? Dieter tröstet mich und kündigt an, dass er mir diese Zwiebeln noch schicken würde. Er hat nun mal das Bestreben, meine Wissenslücken schließen zu wollen.

Um die Sache komplett zu machen, bietet er generös an, noch Multiflora-Hyazinthen der ‘Festival’-Serie dazu zu legen. Ha! Da hat er sich aber vertan! Die habe ich nämlich schon längst in den drei Farben weiß, blau und rosa. Die herrlich duftenden Blumen gefallen mir bereits seit zwei Jahren sehr gut, wirken sie doch durch ihre feinen, kleinen Blütenstände auf entzückende Weise wildhafter als die etwas pompösen Standardhyazinthen. Auch wenn ich gerne eingestehe, dass ich sowieso für Hyazinthen eine Schwäche habe. Ich treibe sie immer wieder gerne an und freue mich im Winter an diesem herrlichen Duft. Ich muss unbedingt meine Hyazinthengläser wieder heraus kramen und präparierte Sorten aufsetzen. In München, als ich noch ohne Garten leben musste, hatte ich die kleinen „Festival“-Sorten in den Blumenkästen und konnte nie genug davon bekommen, neben ihnen auf dem Balkon Platz zu nehmen – auch wenn es regnete. Vielleicht kombiniere ich sie dieses Jahr mal in den großen Töpfen in denen bisher die Tomaten fruchten. Gemeinsam mit Tulpen (…ich habe noch die ‘Negrita’ und die ‘Purple Dream’ bisher nicht verplant) dürften sie traumhaft aussehen, so neben der Gartenbank vor dem Gartenhäuschen…

Und als er dann mit den neuen Sorten ‘Blue Giant’ und ‘Pink Giant’ vom Schneeglanz Chionodoxa anfängt, fühle ich mich wieder sicher im Expertenfahrwasser, denn auch diese Pflänzchen zählen zu meinen Entdeckungen der letzten Jahre, übertreffen sie doch die älteren Arten hinsichtlich der Blütengröße und –fülle eindrucksvoll, ohne ihren Charme verloren zu haben. In der Nähe von Gehölzen stehen sie schon startklar und bereiten ihren Frühlingsauftritt vor. Obwohl… warum nicht noch ein paar nachlegen; sie lassen sich ja gut noch spät pflanzen und wurzeln willig ein.

Wir plaudern noch eine kleine Weile ehe wir uns dem anstehen Tagewerk wieder zuwenden. Versonnen stehe ich vor meinen Beeten und knoble herum, wie ich die neu angekündigten und in den Sinn gekommenen Zwiebelblumen integrieren werde. Aber ich habe ja noch einige Wochen Zeit, diese Entscheidung zu treffen.

Ich setze mich hin, schlürfe meinen Kaffee, rauche mein Zigarillo und schicke ein Stoßgebet ins Universum „…möge es mir nie schlechter gehen als heute…“


Text und Fotos: Andreas Barlage