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100 Jahre Richard Hansen

Zur Erinnerung an einen großen Gärtner
Vortrag von Christian Seiffert am 9. Juli 2012 bei der DGGL Südbayern

Morgen also würde Professor Richard Hansen seinen 100.sten Geburtstag feiern! Richtige Gärtner, und er war einer, sollten ihren 100.sten eigentlich mitfeiern. Es heißt doch, für einen Gärtner ist ein Leben zu wenig. Hansen verabschiedete sich aber schon im Alter von 89 Jahren, er hatte seine Kräfte aufgebraucht.

Richard Hansen, ein Holsteiner, was man schon an seinem Namen erkennen kann, wurde also vor 100 Jahren am 10 Juli 1912 geboren. Sein Vater war Pastor, hierzulande würde man Pfarrer sagen. Hansen sagte, nach seiner Kindheit befragt, er sei mit Grundsätzen aufgewachsen, Grundsätze, die den Kopf frei machen. Man kann dieser Aussage entnehmen, dass es bei den Hansens sehr geordnet, wahrscheinlich streng zuging.

Nach dem Abitur machte er eine Gärtnerlehre, der sich eine lange und intensive Praxiszeit anschloss. 5 Jahre lang war er in verschiedenen Betrieben, erst Lehrling, dann Gärtnergehilfe. Den Anfang machte eine Baumschule, es folgten  Zierpflanzenbau, ein Ausführungsbetriebe, die Staudengärtnerei Karl Foerster. Wundert es Sie, verehrte Gäste, dass Hansen sehr oft über die mangelnde Grundausbildung seiner Studenten klagte? Sie erkennen oft nicht einmal die Keimblätter der wichtigsten Stauden, schimpfte er.

Nach der langen Praxiszeit studierte er von 1936 bis 1939 in Berlin Gartenbau. 1940 bis 1945 war er Soldat. 1943 holte ihn der Pflanzensoziologe Reinhold Tüxen von der Front. Er kam nun in eine Einheit, die sich mit Vegetationskartierung befasste. Professor Tüxen arbeitete damals an der Zentralstelle für Vegetationskartierung des Reiches. Man hält es nicht für möglich, aber dieses Amt war in der Vorkriegszeit und während des Krieges damit beschäftigt, aus der Luft und am Boden den Pflanzenbewuchs für die Militärs zu eruieren. Unter anderem ging es um Tarnung oder um Landebahnen.

Diese Arbeit mit Tüxen legte den Grundstein für Hansens späteres Betätigungsfeld in Weihenstephan.
Eine Anekdote: Originalton Richard Hansen: „Wenn wir aus dem Gelände kamen, brachte er (Tüxen) zuweilen einen Blumenstrauß mit und fragte die Nichtwissenschaftler in seinem Institut, welche Pflanze in diesem Strauß passt da nicht hinein. Und regenmäßig fanden die Bürokräfte die richtige Art aus dem Wiesenstrauß oder einem Waldpflanzenstrauß heraus. Das hat mich als Gärtner schon sehr beeindruckt.“ Zitat ende.

Die Pflanzensoziologie: Was gehört zueinander, was passt zueinander, was gehört in welches Milieu, bei Tüxen wurde er damit geimpft. Außerdem hatte die Arbeit bei Tüxen den nicht zu unterschätzenden Wert für Hansen, dass er nicht mehr direkt in den Krieg verwickelt war. Seine Laufbahn in Weihenstephan begann Hansen 1948. Aber zu diesem Thema werden andere, Kompetentere morgen viel zu sagen haben.

Meine erste Begegnung mit Richard Hansen muss ca. 1969 gewesen sein. Er, 57 Jahre alt, ich war 34.
„Sie müssen unbedingt Professor Hansen aufsuchen“, hatte man mir gesagt. Ich war Redakteur beim Bayerischen Rundfunk und hatte mich vor allen Dingen mit Landwirtschaft und Agrarpolitik zu befassen. Von Anfang an aber war „Garten“ ein Thema, das mich interessierte und nie mehr losließ. Mit Fug und Recht, denn die Fernsehsendung UNSER LAND hieß damals FÜR HOF UND GARTEN. Also besuchte ich eines Tages den Hansen.

Professoren unterstreichen ihre Wichtigkeit meist dadurch, dass sie sich mit Terminen und Zeitknappheit rar machen. Also, nahm ich an, wird es ein kurzes Vorstellungsgespräch werden, und dann ziehe ich wieder von dannen. Nun, wir unterhielten uns an diesem Tag anderthalb Stunden und machten anschließend einen Rundgang durch den Staudensichtungsgarten, der auch etwa so lange dauerte.
Wieso schenkte er mir so viel Zeit bei dieser ersten Begegnung? Wir hatten zwei Themen, die uns die Zeit vergessen ließen: Die Stauden und Karl Foerster. Ich ließ wohl einfließen, dass mein Vater für seinen Brandenburger Garten Stauden bei Karl Foerster bezog. Welche große Rolle Foerster als Freund und Förderer bei Hansen spielte, das ist Ihnen ja allen bekannt.
Dabei spielte in der Foersterzeit eine andere Persönlichkeit eine ebenso große Rolle: Der Gärtenmeister Hagemann. Der nahm die Junggärtner Foersters bei der Hand und fuhr mit ihnen an den Wochenenden nach Berlin und das Brandenburger Umfeld, um berühmte Gärten anzusehen, unter anderem jede von Hermann Matern und Herta Hammerbacher. Mit Hagemann fuhr er auch nach Böhmen und in die Karpaten, lernte interessante Gärtner und Betriebe kennen. Hagemann und Hansen wurden enge Freunde.
Und nun weiter mit meinen Hansen-Erlebnissen. Als ich Hansen und den Sichtungsgarten nach vielen Stunden verließ, wusste ich, dass in diesem Umfeld viele Filme und Radio-Sendungen entstehen werden.

Was ich nicht wusste: dass ich im Laufe der Zeit ein Privatissimum erhalten würde. Als Diplomlandwirt ist man ja, was Pflanzen anbelangt, ziemlich schmalspurig ausgelegt. Nutzpflanzen und ein paar Gräser. Das ist so ziemlich alles. Ich erinnere mich mit Vergnügen, wie wir über den Begriff „Unkraut“ stritten. Für mich als Landwirt war Unkraut eine Pflanze, die mehr schadet als nützt. Solange diese Pflanze nicht schadet, kann sie wachsen. Sie trotzdem tot zu spritzen, ist wirtschaftlicher Unsinn, Geldverschwendung. Hansen sagte: „Sie mit ihrem Landwirte-Verstand: Für mich als Gärtner ist Unkraut eine Pflanze am falschen Platz.“ Also kann nach Hansen selbst eine Staude zum Unkraut degenerieren, wenn sie in einem Beet auftaucht, in das sie nicht gehört.
Die Lebensbereiche, das war eines seiner großen Themen. Wenn ich heute pflanze, wieder im Brandenburger Garten, der einst meinem Großvater und meinen Eltern gehörte, dann schaut mir Hansen über die Schulter und lobt oder schimpft. Bei jeder Pflanzung überlege ich, wie es wohl Hansen machen würde. Oder ich rufe mir ein Bild aus dem alten Hansenschen Sichtungsgarten in Erinnerung: wie wurde diese Pflanze dort verwendet? 1981 bekam ich von ihm sein Buch „Die Stauden und ihre Lebensbereiche“ geschenkt. Im Zweifelsfall kann ich in diesem wichtigen Werk nachschauen.

Eingeschoben sei hier, dass Hansen wirklich in diesem Brandenburger Garten steht und zwar in Begleitung von Hermann Müssel. Ernst Pagels, der ostfriesische Staudenzüchter von Großformat hat zwei Miscanthus-Züchtungen die Namen „Professor Richard Hansen“ und „Hermann Müssel“ gegeben.  Sie machen den Namen alle Ehre.
Aber weiter zu Hansen und Müssel: Ich habe nie Menschen erlebt, die sich in vieler Hinsicht so phantastisch ergänzten wie Richard Hansen und Hermann Müssel. Schon allein körperlich: Hansen groß und schwer, ein norddeutscher Typ, Müssel schmal, ausgesprochen leptosom, entsprechend nervös, schnell und manchmal dadurch schwer verständlich. Hansen sprach ruhig, langsam, bedachtsam. Ich möchte Hansen sprechen lassen:

Zitat: „Denke ich an den technischen Leiter des Sichtungsgartens Herrmann Müssel, der unter anderem die in den Katalogen verbreiteten Kennzahlen der Stauden erarbeitet hat, so wird mir bewusst, wie viel ich ihm zu verdanken habe. Ich erinnere mich gerne an eine lange Diskussion über die Gliederungs-Möglichkeiten unserer Staudenvielfalt im Blick auf ihre Verwendung. Sollten wir sie gliedern in Biotope, in Pflanzengemeinschaften? Endlich fiel das Wort Lebensbereich. Ich stand auf, dankte Herrn Müssel, und seitdem haben wir diesen heute verbreiteten Begriff.“ Zitat ende.

Beide, Hansen und Müssel, ergänzten sich so sehr, dass man sie sich getrennt gar nicht vorstellen kann. Müssel war wissenschaftlich sicher von ähnlichem Kaliber und hatte außerordentliche Staudenkenntnisse. Hansen aber ließ Bilder entstehen, entfaltete die Aura einer Pflanzen-gemeinschaft, er sprach so manches Mal von der Aura. Einer Aura, die entsteht, wenn sich Pflanzen so ergänzen, dass sie gemeinsam und mit ihrem Umfeld zu einer Ausstrahlung gelangen, die sie allein oder in falscher Gesellschaft nie hätten.

Die Lebensbereiche sind inzwischen selbstverständliches Handwerkszeug im Gartengewerbe, in den Katalogen, bei den Staudengärtnern. Dennoch gibt es heute Gärtner, die sagen, sie können damit nichts anfangen, es enge sie ein. Ja, es gab solche Gärtner, schon zu Lebzeiten Hansens; dabei hat Hansen die Gartengestalter von vielen Unsicherheiten freigemacht.
Mit Richard Hansen durch den Garten zu gehen, das hieß sehen lernen und sehend lernen. Und hinhören! Zu jeder Staude, zu jedem Gehölz hatte Hansen eine Geschichte parat. Im Garten unter seiner Führung, wurde klar, was er mit seinen Lebensbereichen meinte, was der Unterschied zwischen Beet- und Wildstauden ist. Was er unter einem reifen Garten verstand, welche Gehölze und Stauden nur im „Reifen Garten“ gedeihen. ich begriff, welche große Bedeutung den Kurzlebigen im Beetstauden-Bereich zukommt, wie wichtig die Gräser und die Zwerggehölze in Staudenpflanzungen sind.
Interessant auch, was Hansen alles parallel bei diesen Rundgängen trieb. Immer grüßte er seine Mitarbeiter freundlich, flocht ein kurzes Gespräch ein, gab einen Hinweis. Gingen wir abends durch den Garten, dann sammelte er mit seinem Spazierstock Papierabfälle. Das Wichtigste aber war sein kleiner Block, den er aus der Tasche zog und dann mit Bleistift Notizen machte.
Viele Spaziergangnotizen werden so Eingang gefunden haben in seine Schriften, in seine Vorlesungen.

Der alte Spruch: Die Fußstapfen des Herrn düngen den Garten, bei den Spaziergängen mit Hansen spürte ich jedesmal, was der Spruch meint. Von diesem Sprichwort existieren einige Varianten. Die sind so schön, dass ich sie Ihnen nicht vorenthalten möchte.
Des Herren Aug düngt den Acker wohl“. Und „Des Herren Aug ist der beste Mist auf dem Acker“.

Spaziergänge mit Hansen fanden auch außerhalb des Gartens statt. Da zeigte er dann z.B. Heckengehölze, die er hatte pflanzen lassen, sprach über ihre Entwicklung. Als Holsteiner kannte er sich aus mit Hecken. Er schimpfte über eine neue Gehölzpflanzung, in die Seidelbast hineingesetzt worden war. „Seidelbast ist eine Pflanze des reifen Gehölzes, der geht in einer Neupflanzung zugrunde!“.
Dann blieb er plötzlich stehen, bückte sich und pflückte ein vierblättriges Kleeblatt. Er kannte die Stelle ganz genau, immer wieder erntete er dort Glücksklee. Manchen Freunden oder Freundinnen schickte er in einem Brief ein getrocknetes Viererkleeblatt. Meine Frau hebt diese Geschenke unter ihren Schätzen auf.
Mit der sich festigenden Freundschaft stellten sich auch Rituale ein. Er rauchte gerne Zigarren. Eine ganze Zigarre war ihm aber bei Gesprächen zu viel. Deshalb nahm er sein Taschenmesser und schnitt die Zigarre in zwei Hälften. Eine Hälfte musste ich rauchen.
Zu den Ritualen gehörte auch, dass Müssel und Hansen mich selten ohne einen Korb mit interessanten Pflanzen davongehen ließen, Pflanzen deren Nachkommen noch heute in Oberbayern und Brandenburg leben und mich an Hansen und seinen wunderbaren Garten erinnern.

Einmal fuhren wir beide mit der Eisenbahn nach Oberitalien. Wir bestiegen ein noch leeres Abteil, genossen die Aussicht und redeten über dies und das. Unterwegs füllte sich der Zug. Er aber wollte mit mir allein im Abteil bleiben. Also nahm er eine Zigarre, schnitt sie entzwei und wir rauchten, rauchten dicke Wolken, so dass wir uns selber kaum noch sahen. Es hat gewirkt.
Die Fahrt nach Italien das ist eine längere Geschichte: In den Vorräumen zu Hansens Institut hingen kolorierte großformatige Pflanzenbilder. Obwohl scheinbar mit leichter Hand, fast skizzenhaft gezeichnet, gaben sie doch das Wesentliche der Pflanzen treffend wieder. Der Zeichner dieser Blätter war Richard Keller, eigentlich Werbe-graphiker, aber mit einer unbändigen Leidenschaft für die Botanik. Keller hatte sich bei Arco, nördlich vom Gardasee, ein kleines Haus mit Garten zugelegt. Durch Zusammen-arbeit mit den Professoren Larcher und Reisigl aus Innsbruck und durch viele eigene Beobachtungen in der Bergwelt rund um den See war er bestens informiert über die Kulturpflanzen der Region, vor allem aber auch über die Pflanzenwelt in der Natur.
Keller wollte mit Hansen und mir ein paar Tage botanisieren. Daraus wurde eine sehr harmonische und aufregende Dreisamkeit. Mit Baguette, Salami, Parmesan und Rotwein ausgestattet, zogen wir in das Monte Baldo-Massiv, oder in die Bergwelt des Monte Stivo, in die Berge westlich des Gardasees, an den Notapass. Und weil die Fahrt für jeden von uns sehr fruchtbar und erfreulich war, kam es zu zwei weiteren Exkursionen. Bei der dritten waren wir zu viert. Urs Walser, der damals noch den Freudenbergschen Schaugarten in Weinheim leitete, war ein angenehmer Reisegefährte. Es war Ende Oktober, eine Jahreszeit, die am Gardasee noch zum schönen Herbst gehört. In intensivsten Rot leuchteten die Cotynus-Sträucher an den Kalkhängen. Und abends saßen wir in einer kleinen Bauernschenke, bekamen eine Riesenschüssel voll Maroni und dazu den hausgemachten Rotwein. Oh ja, Hansen konnte genießen. Und ich wette, an diesem Abend hat es ihm besser geschmeckt, als auf so manchem „Staatsempfang“. Er mochte das Einfache. Einmal sagte er, je älter er werde, desto lieber würde ihm Brot. Er könne immerzu Brot essen.
Richard Hansen auf einer privaten Exkursion zu beobachten, das war ein besonderes Erlebnis. Er war alles andere als ein Professor, der alles weiß und auf alles eine Antwort hat. Im Gegenteil, er konnte staunen, konnte überrascht sein, war unsicher, stellte viele Fragen. Seine Unsicherheit war seine Stärke.
Er hat sich nie eine Zementburg gebaut, die hätte ihn eingeengt und kaum neue Erkenntnisse  zugelassen.
Er war stets offen für andere Ansichten und Erkenntnisse. Das war seine große Stärke. In der Schrift „Sichtungs-garten-Weihenstephan“ schreibt er: „Einen Gärtner, der bis in sein hohes Alter nicht staunen kann, gibt es nicht.“ Oder umgekehrt, jetzt meine Interpretation: wer über die Natur und ihr unwägbares Walten nicht zu staunen vermag, der kann kein Gärtner sein.
Weiter zu den Exkursionen: Es gab andererseits auch solche Situationen: Wenn er sagte, „Das macht mich sehr nachdenklich“, dann rüttelte jemand an seinem Weltbild, dann stießen Anschauungen aufeinander. Es konnte durchaus auch sein, dass ihm die Natur einen Streich spielte, z.B. wenn er eine Pflanze fand, deren Standort so gar nicht seinen Erfahrungen und den Erfahrungen der Pflanzensoziologen entsprach, (der Tüxenstrauß!). Dann konnte es passieren, dass 50 Schritte weiter eben diese Pflanze massenweise in einem ganz anderen Umfeld, einem anderen Lebensbereich auftrat. Dann strahlte er und sagte: „Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung.“
Solche Situationen wiederholten sich, immer wenn eine Pflanzenart sich vorwitzig auf Wanderschaft begeben hatte. Denn es gibt ja immer ein paar Vorreiter, die neues Terrain erobern wollen. Und natürlich zückte er auch in der Bergwelt des Trentino sein Notizheft und schrieb so manches auf. Hingerissen war er, als sich bei einer Exkursion im Frühsommer eine Lichtung auftat und uns hunderte von Paradisea-Lilien anstrahlten.
Ausflüge in die Natur fanden auch mit Familienanschluss, in Oberbayern statt. Im Sommer 1981 durchstöberten wir, meine Frau, Hansen und ich ein Gebiet auf der Ostseite des Ammersees. In der Nähe des Hartschimmelhofes, des Haushofer-Anwesens, ereignete sich dann ein Fest für die Augen: Auf einer Lichtung, die mit blühenden Holler-büschen umstellt war, leuchtete es ungewöhnlich orangerot. Eigentlich unpassend für eine Waldlichtung in Oberbayern. Wir waren im richtigen Moment am richtigen Platz, um die wenigen noch existierenden wilden Feuerlilien blühen zu sehen. Solche Stellen kannte er. Sicher hat er auch seine Studenten mal dort hin geführt. Vier Jahre später stiegen wir durch eine Moorlandschaft zwischen Dießen und Rott. Fortgesetzt wurden solche Ausflüge dann im eigenen Garten, nicht ohne das beklemmende Gefühl, na, was wird er dazu wohl sagen.
Er war aber immer sehr höflich. Vielleicht hatte ich ja doch schon einiges begriffen.
Hansen konnte auch empört sein. Tiefe Trauer empfand er, als sein Staudensichtungsgarten, den er 30 Jahre lang aufgebaut hatte, der nicht nur der Forschung diente, sondern auch das ästhetische Empfinden ganzer Gärtnergenerationen formte, als dieser Garten in der Nachfolge von Jahr zu Jahr mehr zum Forschungs- und Versuchsgarten umgewandelt wurde. Man hatte das Empfinden, als sei die Gartenlust mit dem Zollstock und der Rechentabelle vertrieben worden. Ich habe später mit Studenten gesprochen, die fanden es dagegen großartig, jetzt richtig auswendig lernen zu können, Tabellen zu erhalten. Nach der Vorlesung wussten sie, was Sache ist. Wie schwierig war dagegen Hansen! Der kam wahr-scheinlich in seinen Vorlesungen auf 1000 Nebengleise, ging auf Empfindungen ein, sprach vermutlich von seinen Forschungen mit dem Pflanzensoziologen Tüxen, andererseits vom Naturadel der Pflanzen! Das war zu viel für junge Gemüter. Was bitte schön ist Naturadel? Karl Foerster hat diesen Begriff kreiert. Er legte bei seinen Züchtungen Wert auf die ursprüngliche natürliche Klarheit, die eine Pflanze offenbart.
Aber ich muss noch einmal auf den empörten Hansen zurückkommen. Gipfel der Empörung war, als sein treuer Gartenmeister Schindler nach seiner Pensionierung Gartenverbot bekam. Wahrscheinlich hat der seinen Missmut über die Entwicklung unverblümt kundgetan.
Hansen war ein musischer Mensch. Ich habe ihn zwar nie singen hören. Aber seine Pflanzungen waren immer Musik. Der eben erwähnte Gartenmeister schüttelte zwar so manches Mal den Kopf, wenn er eine ihm merkwürdig erscheinende Pflanzanweisung erhielt, ein halbes Jahr später aber sagte er seinem Chef: Das hätte ich mir nie vorgestellt, dass das alles so schön werden könnte.
Unter den Künsten sind Gartenkunst und Musik am nächsten miteinander verwandt. Beide sind nur im Ablauf der Zeit zu verstehen. Der Garten im Ablauf des Jahres und im Ablauf seiner Entwicklung, der unweigerlichen Sukzession. So auch die Musik: der Augenblick kann nur ein Klang, ein Akkord sein, erst im Zeitablauf wird Musik daraus. Und so war Hansen für mich ein großer Musiker. Seine großen Rabatten, mit Buddleja, hohen und niedrigen Beetstauden und Sommerblumen, wie Verbena bonariensis und Verbena nitida, Tagetes patula und als Großpflanze die Thitonien, das hatte schon synphonische Anklänge, man musste sie aber ein paar Mal im Jahr betrachten. Kammermusik der besonderen Art, das war die zweite Ritterspornblüte wenn dazu Cosmos sulphureus sein intensives Orange  entfaltete.
Hansen war Überhaupt ein sehr musischer Mensch. Oft erzählte er von den Büchern, die er gerne las. Natürlich Rudolf Borchardt, „der leidenschaftliche Gärtner“, ein Buch, das er sehr oft zitierte, oder Adalbert Stifter, aber auch Ernst Jünger und natürlich Theodor Fontane.
Das wurde immer deutlich, wenn man ihm eine Frage stellte, die nicht mit ein paar Sätzen zu beantworten war. Gern sagte Hansen dann, Fontane zitierend, „das ist ein weites Feld“. Auch Hansen ist „ein weites Feld“. Jeder wird ihn ein wenig anders erlebt haben.

Christian Seiffert


Text und Fotos: Christian Seiffert