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Blattdufter im winterlichen Garten

Der 12. November 2004. Ein trüber, kalter, sehr typischer Novembertag. Eigentlich mag man gar nicht aus dem Haus, aber einige Arbeiten sind draußen noch zu verrichten. Ein Blick auf die Myrthen, den Rosmarin, den Lorbeerbusch, ach ja und da steht noch Viburnum tinus, der Laurustinus, wie er manchmal genannt wird (Nicht ganz winterharter Schneeball, duftend!). Der Frost von –2°C hat ihnen allen nichts angetan. Da es etwas milder wird, sollen sie ruhig noch ein paar Tage im Freien bleiben.

Der Duft von frischem Heu?

Aber was ist das auf einmal? Eindeutig Cumarin-Geruch, wie wir ihn vom Ruchgras kennen. Aber in dieser Jahreszeit? Aus Besuchen in Illertissen weiß ich, dass die hohen Eupatorium-Arten (Wasserdost) im Spätherbst so intensiv nach Cumarin riechen, dass man es lange merkt, bevor man sich einer dieser sehr großen Stauden genähert hat. Also muss irgendein Nachbar solch eine Riesenstaude in seinem Garten haben. Und, was mich besonders erstaunt, er scheint sie noch nicht abgeschnitten zu haben.

Mit dem Cumarin hat es eine besondere Bewandtnis: In vielen Pflanzen, wie Steinklee, Waldmeister, Ruchgras und offenbar Eupatorium maculatum ist Cumarin in einer nicht duftenden chemischen Vorstufe enthalten. Erst bei Verletzungen der Pflanzen oder beim Trocknen entsteht das eigentliche stark duftende Cumarin. Cumarine sind hochaktive chemische Stoffe, die u. a. das Wachstum von Mikroorganismen, aber auch die Samenkeimung und die Zellsteckung hemmen.

Unentbehrliche Immergrüne

Wenn man sich schon einmal draußen tummelt, und sei das Wetter noch so unangenehm, dann treibt einen die neugierige Nase durch den Garten. Am 12. November wurde sie mehrfach fündig. Da stehen also die Rosmarine und ihr intensiver Blattduft ist noch keinesfalls eingefroren. Im etwas wärmeren Wintergarten werden sie bald zu einer sympathischen Duftmischung beitragen.

An der Treppe zum Senkgarten duckt sich breit hin seit sicher schon 12 Jahren eine Heiligenblume (Santolina chamaecyparissus). Sie trägt dekoratives graugrünes, feingefiedertes Laub und im Hochsommer kräftig gelbe Blütenköpfe. Steig ich in den Senkgarten, komme ich mit ihren ausladenden Zweigen in Kontakt. Egal ob Sommer oder Winter, ein intensiver, würziger, heller Geruch steigt dann auf. Da sie jedes Jahr gestutzt werden muss, habe ich einige Stecklinge aufgezogen und im märkischen Garten (Jamlitz) ausgepflanzt. Im durchlässigen, trockenen Sand gediehen sie prächtig. Allerdings setzte ihnen der kalte Winter 2002/2003 sehr zu, sie froren stark zurück, und es folgte ein Jahr, in dem sie nicht blühten. Heiligenblumen lassen sich durch Schnitt gut verjüngen und sie eignen sich darum bestens für niedrige Schnitthecken zur Einfassung bestimmter Areale. Voraussetzung: Der Boden sollte mineralreich und durchlässig sein.

Die Salvien verhalten sich sehr unterschiedlich

Nicht uninteressant ist eine Beobachtung mit Salvia sclarea, dem Muskatellersalbei. Während die Heiligenblume auch in der kalten Jahreszeit intensiv duftet, entwickelt sich beim Muskatellersalbei Blattduft erst zur Blütezeit. Zur Zeit schweigen die großen Blattrosetten, man könnte genauso gut am Laub von Rudbeckien oder Anemonen riechen. Ganz anders der Gewürzsalbei, der echte graugrüne, den wir als Tee verwenden oder in Butter kross gebraten zu Leber oder Spargel essen. Er behält über Winter sein wunderbares Aroma, so dass wir über Winter immer frische Blätter aus dem Garten holen.

Wer beim Gang durch den winterlichen Garten von Sommerdüften begleitet werden will, der sollte hier und da Lavendelhecken pflanzen. Die Berührung mit dem Hosenbein reicht aus, um den wunderbaren, die Nerven beruhigenden Lavendelduft aufsteigen zu lassen.

Und da wir schon bei immergrünen Aromapflanzen mit Winterduft sind, darf der Buchsbaum nicht vergessen werden. Wenn auch meine Nase ein schlechtes Empfangsorgan für Buchsgeruch ist, andere Menschen reagieren empfindlich, positiv, aber auch negativ. Das riecht nach Friedhof, sagen viele.

Im Blindengarten Storchennest

Zum Abschluss ein spätherbstlicher Besuch in Radeberg. Die blinde Pastorin und Leiterin des botanischen Blindengartens Ruth Zacharias führte mich, den Sehenden, durch ihre duftenden Gefilde. Vor einem Busch Skimmia japonica blieb sie stehen und begann mit den Händen die Skimmia zu streicheln. Es war zu kalt. Daraufhin nahm sie ein Blatt, hielt es zwischen ihre warmen Hände und bot es mir dann zum Beschnuppern an. Ein kräftiger frisch-würziger Duft ging vom Blatt aus, so wie wir es von den meisten anderen Mitgliedern der Rutaceen-Familie kennen, u. a. den Zitrusarten, dem Diptam, der Ruta.

Die Skimmia war mir als ein nicht ganz winterhartes Kleingehölz bekannt, dessen Blüten sehr intersiv blumig-frisch duften. Aber die Blätter? Das war neu. Dazu noch in Radeberg, östlich von Dresden, eher mit kontinentalem Klima. Die Skimmia mag vor allem ein mildes atlantisches Klima oder Weinbauklima. Auf jeden Fall – und das gilt besonders für kältere Regionen – pflanzt man sie unter ältere Gehölze, die sie vor winterlicher Sonneneinstrahlung und damit Frosttrocknis schützen.

Die Erkenntnis aus all dem winterlichen Duft: Es gibt keine geruch- und duftfreie Zeit im Garten. Es sei denn, man verzichtet bewusst auf eine Reihe immergrüner Gehölze. Da die aber im winterlichen Garten für Kontraste und Strukturen sorgen, hieße das, auf Schönheit in zwiefacher Hinsicht zu verzichten.