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Tulpenfreude von März bis Juni

Es war auf einer Ostfriesland-Exkursion. Nach stundenlanger Fahrt entlang von Wassergräben und Viehweiden mit unzähligen schwarzweißen Kühen plötzliche Farbenpracht. Auf fruchtbarem Marschboden, der sonst dem Weizen und den Kartoffeln vorbehalten ist, Tulpen zu Millionen auf einem Acker, wie auf holländischen Werbeprospekten.

Der Freude folgte Schrecken, als wir Zeuge einer systematischen Tulpen-Enthauptung wurden. Maschinell natürlich. Und da der Tulpen-Vermehrer auch Rinderhalter war, landeten die bunten Blüten in der Futterrinne und im Pansen der Kühe. „Die Blüten verbrauchen zuviel Kraft, die den Zwiebeln verloren geht“, so der Landwirt, der sich mit dieser Spezialkultur ein Zubrot verdiente, wahrscheinlich als Zulieferer einer niederländischen Firma.

Viele Jahre später hatte ich beruflich bei Werder in Brandenburg zu tun. Im Vorbeifahren entdeckte ich eine Brache mit ungewöhnlich dunkelrotem Mohn. Bei näherer Untersuchung verwandelten sich die Mohnblüten in Tulpen und die Brache entpuppte sich als ehemalige Vermehrungsfläche. (Autarkie-Bestrebungen der DDR). Jedenfalls war sie äußerst reizvoll, diese Verbindung von jungem Gras und Tulpen! Und wenn auch die prächtigen Zuchtformen mit den Tulpen-Wildarten nur noch wenig gemeinsames haben, man ahnt die Wesensverwandtschaft der Steppenpflanzen.

Auf den Garten lässt sich das sinnvoll übertragen. Denn die Gräser, deren Höhepunkt wir erst im Spätsommer und Herbst so richtig genießen können, brauchen im April und Mai, zur Austriebszeit, eine farbige Ergänzung.

Die meisten Tulpen duften

Duftmäßig stehen die Tulpen in einem ungerechten Wettbewerb mit Veilchen, Hyazinthen, Narzissen, Flieder etc., aber der Duftcharakter ist interessant und hat seine besondere Note. Der Duft ist herb, manchmal schwer, erinnert gelegentlich an Mandeln. Man könnte den Duft mit „männlich“ bezeichnen, obwohl es äußerst gewagt ist, von dem Tulpenduft zu sprechen. Alle Arten und Sorten unterscheiden sich, dennoch kann man mit verbundenen Augen immer „Tulpe“ erkennen.

Sie alle duften, die Triumphtulpen, die Darwinhybriden, die späten einfachen Tulpen und die Lilienblütigen. Charaktervoller und variabler ist der Duft so mancher heute erhältlicher Wildarten: z.B. die verschiedenen Tulipa humilis Unterarten, auch Tulipa tarda und Tulipa turkestanica. Eine Tulpenart allerdings übertrifft alle anderen. Tulipa polychroma reicht über das normal Tulpige weit hinaus, liefert zusätzlich einen süßen, lieblichen und fruchtigen Duftaspekt.

Obwohl „polychroma“ vielfarbig bedeutet, kann man diese Art als weiß blühend bezeichnen. Erst bei genauerem Hinsehen gewahrt man eine grünlich-violette Außenansicht und eine gelbe Mitte. Die wird aber nur bei Sonnenschein gezeigt. Wie überhaupt die Wildtulpen ihre Blüten zumindest in der Jungphase nur im Sonnenlicht öffnen.

Auf den richtigen Standort kommt es an

Die großen farbenprächtigen Zuchttulpen und die vielen Wildarten sind Musterbeispiele für zwei sehr verschiedene Lebensbereiche. Sonne brauchen beide, doch die Zuchttulpen darüber hinaus einen offenen Boden, das Beet. Auf der sonnigen Staudenrabatte machen sie den Anfang, begleitet von austreibenden Gräsern und gefolgt von Frühsommerstauden. Oder sie kommen auf Wechselpflanzungen, oft in Gemeinschaft mit Vergissmeinnicht oder Goldlack.

Meist werden sie nach dem Einziehen aus dem Boden genommen, was dem klimatischen Bedürfnis der Tulpen durchaus gerecht wird, denn in ihren heimatlichen Gebieten herrscht trockener Sommer. Ist der Boden aber mineralreich und durchlässig, kann man sie auf Staudenbeeten doch einige Jahre stehen lassen. Und noch etwas: Zuchttulpen lässt man nicht reif werden. Man schneidet die Stiele am besten gleich nach dem Abblühen unter Schonung aller Blätter. Je mehr Laub, desto bessere Blüte im folgenden Jahr.

Bei den Wildtulpen ist alles anders! Zwar brauchen auch sie einen durchlässigen, leichten Boden und viel Sonne, aber sie sind Kinder der Freifläche, der Steppe. Und entsprechend fühlen sie sich in der Gesellschaft von Steppenpflanzen wohl. Verschiedene Gräser, Artemisia-Arten, Aster linosyris, Thymiane, wilde Nelken und vieles mehr eignen sich für solch eine Steppe. Dort machen die Tulpen einen farbenprächtigen Anfang. Die Fruchtstände werden nicht geschnitten. Weist der Boden hier und da offene Stellen auf, so ist eine Vermehrung durch Samen gegeben. Und selbstverständlich nimmt man die Zwiebeln von Wildtulpen nicht aus dem Boden. Die Blütenhorste werden von Jahr zu Jahr immer üppiger!