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Maiglöckchen und ihre liebenswerte Verwandtschaft

Es sind ja, wenn es hochkommt, nur 14 Tage, an denen die Maiglöckchen blühen. Aber wenn es in der zweiten Maihälfte so weit war, roch ich es auf dem Weg zur Schule, wenn ich am Haus einer befreundeten Malerin vorbeiging. Am Haus entlang, im humusreichen Sand, standen sie in Massen, sahen immer höchst ordentlich aus und warteten auf ihr Blütenfest. Im Herbst schmückten sie sich mit roten, sehr verlockend erscheinenden Beeren, die aber, wie die ganze Pflanze, hochgiftig sind. Früher wurden Herz- und Kreislaufbeschwerden mit Maiglöckchenauszügen behandelt.

Wieso ist dieses Pflänzchen derart verschwenderisch mit seinem Duft? Und wieso duften Maiglöckchen so unverwechselbar? Wie auch immer, viele Jahre später fand ich in Oberbayern – zunächst mit der Nase – größere Bestände wildwachsend unter lichten Buchen an einem Bahndamm. Eine Überraschung? Für mich damals schon, ich hatte keine Ahnung, dass Maiglöckchen zur heimischen Flora gehören.

Wo wir Maiglöckchen draußen finden

Buchenwälder, Laubmischwälder, Eichen-Hainbuchenwälder, sie sind die natürlichen Standorte für Maiglöckchen, immer unter der Voraussetzung, dass auch etwas Licht mit im Spiel ist: Lichten Halbschatten mögen sie, deshalb findet man sie eher am Waldrand, als im Waldinneren. Meist gibt es an diesen natürlichen Standorten einen kalkhaltigen Untergrund. Aber Voraussetzung ist er wohl nicht für ihr Wohlergehen, denn sie wachsen ja vor allem in der Laubhumusschicht darüber. Auch im Brandenburger Sand gedeihen sie bestens, und dessen Kalkgehalt ist meist minimal. Im Garten stehen sie am besten unter laubabwerfenden Gehölzen. Das Laub sollte nicht entfernt werden. Lässt man die Maiglöckchen über Jahre ungestört wachsen, wird man seine Freude an ihnen haben.

Etwas Namenskunde

Ihr Lieblingsstandort findet sich auch im botanischen Namen wieder. Convallaria majalis, heißt es heute. Im Hortus eystettensis von 1613 wird es noch Lilium convallium genannt. Das lateinische Wort convallis heißt übersetzt Talkessel. Vallis ist das Tal. So verwundert auch nicht, dass das Maiglöckchen in England „Lily of the valley“ genannt wird, was wiederum dem alten Lilium convallium entspricht, also Lilie des Tales. Majalis leitet sich vom Monatsnamen „maius“ ab, also vom Monat Mai. Was die Lilie anbelangt: Im Zander von 1994 zählt das Maiglöckchen noch zu den Liliengewächsen. Inzwischen haben es die Botaniker in eine eigene Unterfamilie gesteckt, die Convallariaceen. Dazu gehören z.B. die Salomonsiegelarten und das Schattenblümchen.

Liebeslust und Maiwonne

Maiglöckchen sind ein Symbol für Liebe und Glück. Das mag zum Teil daran liegen, dass zur Zeit ihrer Blüte der Liebesgott seine dicksten Pfeile abschießt. Es wird aber auch am Duft liegen, diesem einmalig blumigen, würzigen und besonders frischen Duft, der die Herzen schneller schlagen lässt.

In Frankreich ist es Brauch, seiner Geliebten, Freundin oder seiner Frau zum 1. Mai ein Sträußchen Maiglöckchen zu schenken. Man kann sich ausmalen, welche Mengen an Maiglöckchen dazu gebraucht werden. Diese enorme Nachfrage hat Spezialgärtnereien ins Leben gerufen, wie die Gärtnerei Claud Miaillhes bei Bordeaux. Auf 18 ha produziert Miaillhes sogenannte Maiglöckchenkeime. Auf vier Hektar unter Folie sorgt er für pünktliche Blüte zum 1. Mai. Sie im richtigen Moment auf die Märkte Frankreichs zu bringen, müsste man auf Neudeutsch als „logistische“ Meisterleistung bezeichnen.

Maiglöckchenkeime – und was dahinter steckt

Rund um Hamburg wurden früher für den Großmarkt viele Maiglöckchenkeime produziert. Heute steht der sehr hohe technische Aufwand in keinem rechten Verhältnis mehr zur Nachfrage. Aber es gibt noch ein paar Gärtnereien, die es machen. So Jan Janssen in Vierlanden bei Hamburg, der sich vor allem mit den Rosen befasst. Die Maiglöckchenkeime, sagt er, sind eigentlich nur noch eine Liebhaberei. In Beeten auf sandigem Boden wachsen die Pflänzchen heran. Alle zwei Jahre wird das Wurzelwerk, werden die Rhizome gerodet, in Handarbeit auseinandergezogen, in Blattkeime und Blütenkeime getrennt. Die dicken Blütenkeime gehen in die Treiberei, auf Beete oder in Töpfe in Gewächshäusern, die zarteren Blattkeime werden wieder im Freien ausgepflanzt. Wichtig bei den Blütenkeimen ist, dass sie genügend Winterkälte abbekommen haben, wenn nicht, müssen sie kältebehandelt werden, damit sie auch wirklich blühen.

Maiglöckchensorten

Für die Treiberei wird die mit etwa doppelt so vielen Blüten ausgestattete und großblütigere „Grandiflora“-Auslese verwendet. Übrigens gibt es auch eine rosa Auslese, die schon im Hortus Eystettensis erwähnt und gezeigt wird, die aber eher schmutzig und unscheinbar aussieht, vergleicht man sie mit der edlen weißen Wildart oder der Grandiflora. Dass auch Sorten mit panaschierten Blättern ihre Liebhaber finden, versteht sich, ihr besonders langsames Wachstum ist aber eigentlich ein Beleg dafür, dass es sich eher um chlorophyllarme Abnormitäten handelt.

Das Schattenblümchen

Auf frischen, sauren Waldböden, im Laub- und Nadelhumus gedeiht ein Pflänzchen, das immer gleich in größeren Trupps vorkommt: Das Schattenblümchen, Maianthemum bifolium. In vielem ähnelt es dem Maiglöckchen, es duftet sogar, und seine Eingruppierung zu den Convallariaceen verwundert daher nicht. Verwunderlich ist vielmehr, warum dieses Pflänzchen so selten in Gärten zu finden ist. Auf zusagenden Böden, sauer, humos und nährstoffreich, breitet es sich dank seiner dünnen Rhizome üppig aus und bietet einen zauberhaften Anblick.