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Vom Geheimnis der weißen Lilien

Es war ein Foto, später Jugendstil. Eine junge Frau in weißem langen Kleid lustwandelt in einem Garten. Im Hintergrund eine Klinkermauer und ein rechteckiger Teich. Die junge Frau, umgeben von weißen Lilien, ist meine Großmutter.

Die zweite Begegnung fand in einem Gartenroman von Berverley Nichols statt. Der Autor will ein Grundstück mit Haus erwerben. Als er in einem angebotenen Garten ein Meer weißer Lilien entdeckt, fragt er den Gärtner: Aus Zwiebeln aufgezogen? Der Gärtner erwidert naserümpfend: Nein, natürlich aus Samen!

Bei Berverley Nichols Lilien konnte es sich nur um Lilium regale gehandelt haben. Erst 1903 wurden sie in China entdeckt und haben seit dem einen Siegeszug durch die Gärten der Welt angetreten. Die Königs-Lilien lassen sich bei einiger Sorgfalt gut aus Samen heranziehen Und sie blühen, wenn man sie gut pflegt, schon im 3. Jahr.

Die Lilien meiner Großmutter waren Madonnen-Lilien, Lilium candidum, die bei uns leider keine Samen ansetzen und nur durch Zwiebeln vermehrt werden können.

Die heilige Lilie

Verehrt wird sie nachweislich seit dem Griechischen Altertum. Die ältesten Darstellungen, Wandmalereien etwa aus der Zeit um 1600 v. Chr. finden sich auf Kreta in den Königspalästen von Knossos. In diesen Schlössern ist die Lilie das am meisten verwendete Pflanzenmotiv. Das Christentum hat die hohe Verehrung übernommen. Das bekannteste Motiv: Der Erzengel Gabriel überreicht der Jungfrau Maria eine Madonnenlilie, um ihr zu verkünden, dass sie mit dem Gottessohn schwanger geht.

Wie kam es zu dieser Verehrung? Auch im Namen findet sie ihren Ausdruck: candidum heißt sowohl weiß, wie rein und unschuldig. Nun es sind ihre makellosen weißen Blüten aus 2 x 3 Blütenblättern, weiß wie Carraramarmor, es ist ihr wohlgeformtes grünes Laub, sowohl als Rosette am Boden, wie später als Garnierung des Blütenstieles. Schließlich mag der besonders liebliche aber auch würzige Duft die Menschen bewogen haben, diese Lilie so sehr zu schätzen.

Wo kommt die weiße Lilie her?

Darstellungen auf Kreta lassen eine Herkunft in der Ägäis vermuten. Doch erst 1916 fand man nördlich von Saloniki in Mazedonien Lilien etwas zierlicheren Wuchses am Wildstandort. Die wohl wichtigeren Standorte liegen in den Steppen und Halbwüsten zwischen Türkei und Afghanistan.

Vom richtigen Umgang mit Madonnen-Lilien

Das Klima in den Herkunftsländern verrät uns, warum bei der Madonnenlilie vieles anders läuft, als bei den meisten Lilien anderer Herkünfte. Die Sommer dort sind heiß und trocken, im Herbst beginnt die kühle und feuchte Regenzeit, die sich bis in den Frühling hinzieht. Lilium candidum nutzt die Regenzeit, um ihre Blattrosette zu bilden und um Reserven einzuspeichern. Das macht sie auch bei uns und zwar schon im September. Probleme bereiten daher kalte Winter ohne Schnee. Man sollte die Rosetten in schneearmen Gebieten wenigsten mit etwas Reisig abdecken. Schon im April schiebt sie aus der Blattrosette den zukünftigen Blütenstiel. Die Blüte beginnt, je nach Klimazone und Witterungsverlauf, etwa Anfang Juli, +/- 14 Tage. Nach der Blüte stirbt alles Oberirdische ab, die Lilie begibt sich in die sommerliche Ruhezeit.

Die Ansprüche der Madonnen-Lilie

Nur in dieser Ruhezeit lassen sich die Zwiebeln pflanzen und verpflanzen, möglichst also im August! Als Standort wählt man einen sehr sonnigen Platz. Der Boden kann sandiger Lehm oder lehmiger Sand sein. Hauptsache, er ist durchlässig und ohne stauende Horizonte. An Kalk darf es nicht fehlen.

Beim Pflanzen ist darauf zu achten, dass nicht mehr als 3 cm Erde über der Zwiebel liegen. Das unterscheidet die Madonnen-Lilie von fast allen anderen Arten. Die werden nämlich tief gepflanzt (3 x die Zwiebelhöhe). Sie bilden dann am Trieb über der Zwiebel Wurzeln, die zusätzlich für die Ernährung der Blüten sorgen.

Früher sah man in ländlichen Gärten gelegentlich richtige große Lilienhorste. Solche Horste entstehen, wenn man die Lilien möglichst lange ungestört wachsen lässt. Beigetragen zum Wohlergehen der Lilien hat vermutlich auch eine Düngegabe mit verrottetem Kuhmist.

Die Madonnen-Lilie und die Meteorologen

Bis in die 60er Jahre war die Blüte der Madonnenlilie für die Phänologen das Signal des beginnenden Hochsommers. Da aber diese Lilienart leider immer seltener in den Gärten zu finden war, ist man auf die Linde als Signalpflanze umgestiegen. Das Tragische ist nicht dieser Umstieg, sondern dass die Madonnen-Lilien immer seltener wurden. Warum eigentlich? Der Grund ist wohl die schwere Vermehrbarkeit. Selten genug findet man pünktlich im August geeignete Zwiebeln. Und es ist die häufig mangelnde Hingabe und Pflege dieser kostbaren Pflanze. Oft genug braucht man ja auch zwei Jahre, bis sich die Lilie einigermaßen etabliert hat.

Die Königs-Lilie, eine Alternative

Der gelegentliche Umstieg auf die Königs-Lilie verwundert nicht. Auch sie ist eine weiße Lilie, und sie blüht zur selben Zeit. Und doch sind die Unterschiede gewaltig. Die Blüten sind große Trichter, im Zentrum gelb, außen rötlich-bräunlich angehaucht, wenn man nicht die rein weiße Sorte ‘Album’ bezieht. Die Düfte beider Arten unterscheiden sich sehr deutlich. Während die Madonnen-Lilie eine sehr edle, würzige Komponente hat, duftet die Königs-Lilie aufdringlich stark nach Vanille. Und das kann bis zu einem Pferdestall ähnlichen Geruch ausarten.

An den Boden stellt die Königs-Lilie keine all zu großen Ansprüche, aber auch sie mag volle Sonne. Dankbar ist sie für gelegentliche Kompostgaben. Gepflanzt werden die Zwiebeln im Herbst oder im zeitigen Frühling. Je eher, desto besser. Die Zwiebeln leiden, wenn sie lange an der Luft liegen, egal ob im Geschäft oder beim Kunden. Gepflanzt wird, wie schon oben beschrieben in etwa Dreizwiebeltiefe.