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Calamintha – Steinquendel

Es ist die Nase, die Erinnerungen weckt und Beziehungen herstellt. Wer im Sommer oder Herbst in oberitalienischen Olivenhainen sein Dasein genießt und den Sinnen freien Lauf lässt, nimmt mit den Augen das Silber der Oliven, mit den Ohren das Zirpen von Zikaden und Grillen und mit der Nase einen kräftig herben Duft wahr, an Pfefferminze erinnernd und doch wieder anders, luftiger, mediterraner. Der Duft rührt von einem Lippenblütler her, der dort überall im Halbschatten der Bäume wächst. Aber was für einer?

Am Duft sollt ihr sie erkennen!

Jahre später bezog ich bei Dieter Gaissmayer Calamintha nepeta ssp. nepeta (= ‘Triumphator’). Und, da war er wieder, der oberitalienische Olivenhain-Geruch! Calamintha nepeta steht im oberbayerischen Garten an einem der wärmsten Plätze, neben einer Steintreppe, in Nachbarschaft mit Centranthus ruber und einem alten knorrigen Lavendel. Jedesmal, wenn jemand die Treppe benutzt, streift er die Pflanze und italienische Erinnerungen steigen auf.

Was für eine anspruchslose und dankbare Staude! Den ganzen Spätsommer und Herbst hindurch blüht sie mit unzähligen weißlich-blauen Blüten an 50 cm hohen Stielen, die sich etwas legen, was aber am Hang ausgesprochen schön aussieht. Die Insekten können gar nicht genug von ihr bekommen: Verschiedene Bienenarten, Schwebefliegen, Hummeln, ja Wespen holen sich den sicher sehr gut schmeckenden Nektar.

Gedanken gehen durch den Kopf, wie und wo man diese Staude überall noch verwenden kann. Zum Beispiel am trockenen, sonnigen Gehölzrand. Das entspräche weitgehend der Olivensituation. Aber auch als Begleiter von Rosen kann man sie sich vorstellen, Rosen in allen Farben. Dieser Steinquendel ist so unaufdringlich, dass er den Rosen nicht die Schau stiehlt, sondern ihre Schönheit unterstreicht. Und das gilt auch für den Duft, der zu dem der Rosen sehr konträr ist und dadurch den Duftgenuss steigert.

Im brandenburger Sandgarten steht die Sorte ‘Blue Cloud’, eine Auslese aus einer zweiten Subspecies, aus Calamintha nepeta ssp. glandulosa. Sie ist der anderen Art sehr ähnlich, nur etwas kompakter, aufrechter und die Blüten sind blauer. Der sonnige Sand sagt ihr zu, leichten Schatten spenden verschiedene Gräser, wie Stipa (=Nassella) tenuissima und Hystrix patula und einige hohe Sedumarten: Insgesamt eine schöne Gesellschaft.

Besonders aber schätze ich im brandenburger Sand Calamintha menthifolia, die bislang Calamintha sylvatica hieß. Sie ist eine ideale Pflanze für den Halbschatten, unverwüstlich, samt sich aus und hat eine sich bis in den Oktober hinziehende Blüte in Weiß. Auf einem kleinen Beet löst sie Campanula persicifolia ab, begleitet dann die rotbraune Taglilie ‘Sammy Russel’ und leistet schließlich der winterharten Magellanica-Fuchsie Gesellschaft.

Etwas aus dem Rahmen der übrigen Calaminthen fällt eine rotblühende Art, Calamintha grandiflora. Die rote Blüte ist aber nicht der wesentliche Unterschied. Der ist mehr beim Standort, beim Lebensbereich zu suchen. Zwar ist sie auch im mediterranen Raum und in Kleinasien zu Haus, doch lebt sie dort im humosen, nicht zu trockenen Boden, im Halbschatten von Buchenwäldern in den Bergen. Ähnliche Boden- und Lichtverhältnisse kommen fast in jedem Garten irgendwo vor, so dass kein Grund besteht, auf diese attraktive und natürlich auch stark duftende Calamintha zu verzichten.