Ein Freund der kleinen Gartenwunder

Es ist ein Buch in diesem Jahr in deutscher Sprache erschienen, das eine unbeabsichtigte Aktualität hat. Es rät davon ab, in fremden Ländern herumzureisen, dort Abenteuer zu bestehen und touristische Weltwunder zu betrachten. Es rät dagegen, zu Hause zu bleiben und in den Garten zu gehen. Dort gibt es mehr Schönheiten und Absonderlichkeiten zu betrachten und zu beobachten als auf jeder Reise rund um die Welt.

Zu dieser Erkenntnis ist ein Journalist und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts gekommen. Alphonse Karr hieß er, war Sohn eines deutschen Pianisten und einer Französin aus reichem Haus. Er schrieb Zeitungsprosa aber auch Gedichte und Romane und war eine Zeit lang Chefredakteur des Figaro.

In Paris verkehrte er mit den literarischen Zeitgenossen wie u.a. Balzac, Alexandre Dumas und Victor Hugo, mit dem er befreundet war. Er gab eine satirische Zeitung heraus, die er 37 Jahre lang als Redakteur leitete. Doch er war nicht nur Schriftsteller und Journalist. So betätigte er sich an der Normannischen Küste auch als Fischer und entdeckte nebenbei die Schönheiten dieses Landstriches, wofür Besucher und Reisende ihm heute noch dankbar sind.
Zu Garten und Gärtnerei kam er im „Exil": Als Gegner von Napoleon III. war er nach Nizza geflüchtet, wo er sich mit Gartenbau und der Produktion von Schnittblumen beschäftigte. Das war offenbar ein glänzendes Geschäft, er exportierte Schnittblumen in nördliche Länder. Man sagt Alphonse Karr nach, der Erfinder der „Blumenriviera" gewesen zu sein. Doch das Geschäft fand ein jähes Ende, als die Stadt Nizza ihn teilweise enteignete. Daraufhin zog er sich in das Fischerdorf Saint-Raphael an der Côte d Azur zurück und machte dort das, wovon er schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geträumt hatte: Er wurde Privatier, pflegte seine Freundschaft mit Victor Hugo (beide kämpften gegen Tierversuche und Vivisektion), machte nicht Reisen in die Welt sondern in seinem eigenen Garten. Der Roman, den er über diese Erlebnisse geschrieben hat, nannte er tatsächlich „Reise um meinen Garten". Er erschien 1845, war offenbar ein Renner, denn schon 1851 folgte eine illustrierte Luxusausgabe.

Mit der Arbeit im Garten, mit Graben, Pflanzen oder Säen hat dieses Buch kaum etwas zu tun. Alphonse Karr war Beobachter. Er betrachtete Blüten, Bäume, Käfer, Schmetterlinge - und er beäugte seine Mitmenschen, deren Unzulänglichkeiten er kritisch-liebevoll und ironisch kommentierte. Da wird z.B. bis ins Detail das Leben des Ameisenlöwen geschildert, an anderer Stelle lässt er sich über die Unzulänglichkeit der Sprache beim Beschreiben von Farben aus. Die Bienen haben keinen Staat, weil sie keinen Staat benötigen: jedes Mitglied des Volkes hat seine Aufgabe. Und dann die Pracht der Insekten, ihre leuchtenden Farben, schöner als alle Edelsteine und dann auch noch kostenlos! Einem benachbarten Freunde, der sich auf Weltreise befindet, schreibt er in 59 Briefen, was ihn im Garten gerade begeistert und erregt. Mal ist es eine präzise Naturbeobachtung, (wobei er es nicht unterlässt, Pflanzen und Tieren gelegentlich menschliches Fühlen und Handeln zu unterstellen) mal ist es eine kuriose Geschichte über Tulpen, die uns einen Einblick in die noch grassierende Tulpomanie im 19. Jahrhundert erlaubt, mal eine Tabakpflanze, die ihn weit ausholen lässt in die Geschichte des Rauchens und Schnupfens. „Die Wilden, denen wir den Brandwein gegeben haben, haben uns im Tausch den Tabak gegeben.......Mit diesem liebenswürdigen Austausch von Giften haben die Verbindungen zwischen den zwei Welten begonnen."

59 Briefe schreibt Alphons Karr. Beim Schreiben des letzten Briefes hört er die Kutsche des weltreisenden Nachbarn nach Haus kommen. Karrs Briefe sind kein Roman, den man von vorn nach hinten lesen muss. Die Briefe erlauben uns, mal hier mal dort einen Brief zu lesen und sich zu amüsieren.

Alphonse Karr
Reise um meinen Garten
Roman in Briefen
Die Andere Bibliothek, Berlin
ISBN: 978-3-847720317

https://www.die-andere-bibliothek.de/Extradrucke/Reise-um-meinen-Garten::794.html

Christian Seiffert
aus Jamlitz und Eresing Seit 2001 experimentiert Christian Seiffert parallel in zwei geographisch weit auseinanderliegenden Gärten: in Oberbayern und in der Niederlausitz, im Land Brandenburg.
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Text: Christian Seiffert

Fotos:
Portrait Alphonse Karr: Wikimedia Commons, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=736262
Ansichten des Buches: © AB – DIE ANDERE BIBLIOTHEK GMBH & CO. KG, Berlin, https://www.die-andere-bibliothek.de/Extradrucke/Reise-um-meinen-Garten::794.html