Der Duft der »Lilie der Täler«

Haben Sie zufällig am 1. Mai ein Sträußchen Maiglöckchen (Convallaria majalis) geschenkt bekommen? Wenn ja, dann werden Sie während des ganzen Jahres Glück haben, wenn der Volksglaube recht hat. Wenn Sie an solche Dinge nicht glauben, dann sollten Sie sich zumindest am intensiven Duft der »Lilie der Täler« erfreuen, wie sie im Volksmund und auch im Englischen (lily of the valley) heißt.

Früher war es üblich, im Marienmonat Mai einen kleinen Hausaltar mit Maiglöckchen zu schmücken. Sie gehören nämlich zu den klassischen Marienblumen und stehen als Symbol für die Demut und Bescheidenheit der Mutter Jesu. »Marientränen« oder »Frauentränen« wurden die weißen Glöckchen früher genannt, weil man glaubte, die Blümchen seien an der Stelle aus der Erde gesprossen, auf die die Tränen Marias gefallen waren. Zu sehen sind die Blüten häufig auch auf mittelalterlichen Bildern, welche die Geburt Mariens zeigen. Und schon im Hohen Lied des Alten Testamentes wird die »Lilie der Täler« als bildlicher Vergleich herangezogen, um die Schönheit einer Braut zu preisen.

Der botanische Name gibt Auskunft über die Blütezeit (majalis = im Mai) und den Standort (convallaria = in den Tälern), an dem die Staude oft zu finden ist. Schon in den Kräuterbüchern der Frühneuzeit ist häufig über das Maiglöckchen zu lesen, so etwa in den Schriften der Botaniker Hieronymus Brunschwig und Pietro Andrea Gregorio Mattioli. Sie rieten bei Ohnmacht zur Verwendung des »Blümleinwassers« aus Maiglöckchenblüten und empfahlen es zur Stärkung von Herz und Gehirn.

Zu Zeiten des Humanismus war das Maiglöckchen Zeichen des Berufsstands der Ärzte. In einem Gedicht von Friedrich Uhland liest man die Zeile »Mit dem Tau der Maiglöckchen wäscht die Jungfrau ihr Gesicht, badet sie in goldnen Locken«. Das beruht auf dem Volksglauben, dass eine Waschung mit Maiglöckchensud Sommersprossen im Gesicht zum Verschwinden bringen würde. Ebenfalls praktisch angewendet wurde getrocknetes Maiglöckchenkraut als Bestandteil von Schnupftabak, um einmal gründlich »das Hirn durchzupusten«.

In Russland benutzte man das Maiglöckchen früher in der Volksmedizin zur Herzstärkung, allerdings ohne die Inhaltsstoffe der Pflanze zu kennen. Tatsächlich enthält sie herzwirksame Glykoside (z.B. Convallatoxin), die heute in der Medizin verwendet werden. Allerdings sollte man niemals versuchen, selbst Maiglöckchenpräparate herzustellen, denn die Pflanze enthält die äußerst giftigen Cardenolide. Immer wieder kommt es zu Vergiftungen, weil botanisch unkundige Pflanzensammler die Blätter des Maiglöckchens mit denen des Bärlauchs verwechseln. Und in Agatha Christies Kriminalromanen bedienen sich Verbrecher gern einmal des Maiglöckchenwassers, um einen Menschen aus dem Leben in den Tod zu befördern. Oder war vielleicht doch wie immer der Gärtner der Mörder? Lassen wir doch lieber diese scheußlichen Geschichten beiseite und erfreuen uns am paradiesischen Duft des Maiglöckchens, mit dem es uns besonders intensiv in den Abendstunden erfreut!

»Maiglöckchen und die Blümelein«

Maiglöckchen läutet in dem Tal,
das klingt so hell und fein,
so kommt zum Reigen allzumal,
ihr lieben Blümelein!

Die Blümchen, blau und gelb und weiß
sie kommen all herbei,
Vergißmeinnicht und Ehrenpreis
und Veilchen sind dabei.

Maiglöckchen spielt zum Tanz im Nu
und alle tanzen dann.
Der Mond sieht ihnen freundlich zu,
hat seine Freude dran.

Den Junker Reif verdroß das sehr,
Er kommt ins Tal hinein;
Maiglöckchen spielt zum Tanz nicht mehr.
Fort sind die Blümelein.

Doch kaum der Reif das Tal verläßt,
da rufet wieder schnell
Maiglöckchen auf zum Frühlingsfest
und leuchtet doppelt hell.

Nun hält's auch mich nicht mehr zu Haus
Maiglöckchen ruft auch mich.
Die Blümchen gehn zum Tanze aus,
zum Tanzen geh auch ich!

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)
Antje Peters-Reimann
Antje Peters-Reimann ist Gartenhistorikerin und Journalistin in Essen. Sie hat sich der Geschichte der Gartenkunst verschrieben und berichtet berichtet über bekannte und unbekannte Gärten und ihre Schöpfer und erzählt spannende „grüne Geschichten“!...
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Text: Antje Peters-Reimann
Fotos: Staudengärtnerei Gaißmayer