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Mit Kräutern leben

von Sophie Behr

„Ah, Salbei“, bemerkt Helga. Und ich: „Ja, und Wermut – woher weißt Du?“ – Helga ist zum ersten Mal auf meiner gescheuerten Holztreppe – noch dazu nachts. Aber: „Das sehe ich“, sagt Helga. Ich hatte gehofft, sie würde antworten, „das rieche ich doch“, aber meine Salbei- und Wermutblätter liegen eben schon ein paar Tage. Ich habe sie am Novemberwochenende draußen frisch geerntet, auch um sie vor dem erwarteten Wintereinbruch zu retten – Duftnutzung.

Helga und Hedwig sind trotzdem begeistert von meiner Kräuterstreuerei. Im Winter ist das Angebot bescheiden aber doch da. Im Sommer lege ich alle meine Zimmer abwechselnd aus – Minzen im Bad, Melisse in der Küche, Lavendel (Kraut) im Schlafraum, Verveine und Rosenblätter oder ganze Kamillenbuschen dorthin, wo es mir einfällt – jedoch immer auf den Fußboden. Und meinen Besucher/ -innnen sage ich dazu immer: Ihr dürft, ihr sollt sogar darauf treten, damit wir was riechen.

Früher habe ich meine Kräuter im Garten mit viel mehr Vorsicht behandelt, nur die Spitzen – wie es im Buche steht – kurz vor der Blüte, oder „das blühende Kraut“, die Knospen oder im Herbst die Wurzeln – zum Beispiel von Baldrian oder Kalmus – geerntet und ganz schonend getrocknet. Da hatte ich so viele Tees, dass die mir oft im Schrank verrochen, ehe ich sie trank.

Dann lernte ich bei meinem feinnasigen Freund Dieter Gaissmayer, dem Staudengärtner in Illertissen: Um Tee zu machen kann, ja sollte man wo möglich die frischen Kräuter verwenden. Man muss sie nicht erst trocknen! Toll, ein Johanniskrauttee aus frischen Spitzen versetzte mich eines Morgens in Sektlaune, frische Baldrianwurzel ließ mich nach einem ungut aufregenden Tag in köstlichen Schlummer sinken.

Und Dieter, lachend, sprach den unvergesslichen Satz: „Im nächsten Leben will ich Kräuterstreuer sein.“ Ich machte mich auf, bereits in diesem Leben Kräuterstreuerin zu werden.

Bei Paul Braudel, einem französischen Sozialwissenschaftler las ich („Der Alltag“), dass es den Beruf einst tatsächlich gegeben habe. Als Teppiche nur für Reiche erschwinglich und häufiger an Wänden und auf Möbeln prangten als auf Böden, hätten die Menschen ihre Fußböden mit Heu, mit Kräutern, bei festlichen Anlässen auch mit Blüten ausgelegt.

Neben dem erfreulichen Anblick war der Wohlduft sehr wichtig und die desinfizierende Wirkung. „Aha“, dachte ich, „muss man gar nicht immer räuchern, gegen Pesten mancher Art“. Und begann, dicke Bündel von meinen vielen Gartenkräutern klein zu häckseln. Weinraute, wohlriechende Eberraute, alles was man sowieso selten zum Würzen verwendet, aber auch, zur Hochsaison, Estragon und sogar Basilikum (Riecht einmalig vor dem Waschbecken!).

Dieter untermauerte meine Tollkühnheit, denn Pflanzen brauchen das, müssen immer wieder gestutzt werden, „sonst dürren sie aus“. Lavendel soll man schon im zeitigen Frühjahr zurückschneiden. Wunderbar: Und kaum Fliegen oder Mücken mehr im Schlafzimmer!

Die Blüten meiner Rosen knipse ich ab Mai immer ab, einen Tag ehe sie abfallen würden. Auf ein flaches „Dörrsieb“ gelegt und ganz leicht erwärmt, verströmen sie ihre Düfte, hauchen ihr Leben aus.

Und im Winter? Und in der Stadt??

Was sollen da die Menschen tun, wenn nicht Duftlampen aufstellen oder Raumsprays benutzen! Manche haben Balkone oder Vorgärtchen mit Kräutern, wuchernde Duftbegonien im Flur, Petersilie im Blumenkasten. Übrigens werden Geranien auf Balkonen traditionell auch deshalb gepflanzt, weil ihr herber Duft Insekten verscheucht.

Bleibt der strenge Winter in der Stadt. Wie wär’s mit Holzdüften? Nicht nur aus dem Flacon. Wer spazieren geht, kann leicht Nadelholzzweige, Weihnachtsmarktreste, entdecken, und in Parks wird im Winter immer mal Baumschnitt liegen. Die Zweige oder Äste kann man heimtragen. An allem riechen! Wie die kleinen Kinder.

Viele einheimische Hölzer riechen wohl, auf Heizkörper legen! Ganz zu schweigen vom Holz schwarzer Johannisbeeren, Lorbeerbäumen, Zedern (Fernreisen!) und Zitruszweigen. Und was die Bauern in Europa mach(t)en: Tannengrün als Fußabstreifer vor die Haustür, könnt Ihr auch in den Städten improvisieren; Phantasie braucht keinen Winterschlaf.

Das schönste und liebste bleibt eine Mischung junger Kräuter im Mai auf dem Kopfkissen, dem Frühstückstisch und auch um das Toilettenbecken herum gestreut.

Der Text von Sophie Behr ist in der Zeitschrift „ab 40“, Ausgabe 2/2003 erschienen.