Immer
reizt es die Gärtnerin und den Gärtner, aus den Pflanzen und
Früchten des Gartens alles zu machen, was man daraus machen kann:
Marmeladen und Salate, Kräutertees und Färbestoffe, Aufläufe,
Trockensträuße und Arzneien. Und Papier.
Wir haben mit dem Papiermachen begonnen, als der Löwenzahn blühte.
Das erste Papier war mit gelben Blütenblättern dicht besät;
sie waren verhakt und verfilzt mit einem Grundstoff aus Eierkartons, die
zuvor in kleine Schnitzel zerrissen und in einem Eimer mit Wasser eine
Stunde lang zu einem gleichmäßig dicken Brei verrieben worden
waren.
Erst der fortgeschrittene Papierer befasst sich mit der Kunst, faserige
Pflanzen durch Fäulnis, Ätzkalk oder Natronlauge so aufzuarbeiten,
dass die einzelnen Fasern in der „Pulpe“ frei herumschwimmen
wie die Baumwollfasern im Papierbrei für die alten „Hadern“-Papiere
aus Lumpen.
Im Sommer bleibt für solche langwierigen Arbeitsgänge kaum
Zeit. Also sammeln wir nur das Rohmaterial in Tüten und Kästen
– Blüten aller Art, die Blätter von Schwertlilie und Sibirischer
Iris, auch harte Gräser, Moose, Brennnesseltriebe, Spargelschalen
und ein Glas voll getrockneter Holunderfrüchte,
die dann im Papier als dicke schwarzviolette Punkte ganz eigene Akzente
setzen. Und im Winter schöpfen wir:
Wenn die Grundstoffe zerschnitten, zermürbt, also jedes inneren
Zusammenhaltes beraubt sind, dann wählt man zwei oder drei, gibt
sie in die Schöpfwanne, füllt mit Wasser auf und gibt dies und
jenes an zarten Blütenblättern hinzu – getrocknete Rosenblüten
zum Beispiel oder blaue Ritterspornblüten oder die Randblüten
von Sonnenblumen, die sich alle gleich wieder mit Wasser voll saugen und
mit fahleren Farben zu neuem Leben erwachen, zu einem papiernen Leben.
Denn jetzt fahren wir mit dem Schöpfsieb in die Pulpe, heben es
langsam wieder heraus und lassen das Wasser abtropfen. In Sekundenschnelle
hat sich derart die Aufschwemmung in eine Art Gewebe verwandelt. Das ist
ein faszinierender Vorgang, und
für einen Augenblick wird der Papierschöpfer Zeuge davon, wie
der Zufall die Gestalten und Linien zu einer neuen Ordnung zusammenfügt.
Der nasse Papierfilz wird vom Sieb auf ein Wolltuch „abgegautscht“.
Darüber kommt wieder ein Tuch, auf das das nächste Blatt gegautscht
wird – und so fort. Der so entstandene Stapel kommt unter die Presse,
gibt noch einmal viel Wasser ab – und dann kann man die Papierbögen
von den Tüchern abziehen und auf die Leine hängen.
Gut
vorstellbar: eine Tapete aus diesen Bögen, eine jener Tapeten, wie
sie in vielen geschriebenen und ungeschriebenen Jugenderinnerungen vorkommen
als eine Art Landkarte, auf der die Phantasie vor dem Einschlafen ihre
Reisen unternahm. Gartenreisen also für diesmal, kenntliche und unkenntliche
Fragmente des Gartens zu einem Archivblatt komponiert. Da könnte
jeder Monat sein eigenes Papier bekommen: der Juni ein Spargelpapier,
der Januar eines mit Moos und vielen gelben Blüten des Winterjasmins,
und im August würden wir reichlich Blätter vom Steinklee einmischen
– dann duftet das Papier noch jahrelang nach frischem Heu.
* Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus:
Dahl, Jürgen, Der neugierige Gärtner.
Waltrop und Leipzig 2002: Manuscriptum Verlagsbuchhandlung
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