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Gartennotizen: Lieblingspflanzen

von Andreas Barlage, 9. November 2010

Bienchen


Winterastern

Dieser Pflanzenname ist ein wenig in die Jahre gekommen. Die betreffenden Pflanzen werden heute allgemein und mit botanisch-taxonomischer Legitimation als "Gartenchrysanthemen" bezeichnet.

Kennengelernt habe ich diese Spätzünder im Blumengarten bereits sehr früh in meiner aktiven Hobbygärtnerlaufbahn. In einem ausgehenden Sommer Mitte der 70er Jahre machte meine Mutter uns einander bekannt: Eine rosa gefüllt blühende, etwa tischhohe Pflanze wurde mir als "Winteraster" vorgestellt. Als 12jähriger hinterfragt man nicht immer und überall Gartenblumennamen, erst recht nicht, wenn die eigene Mutter sie nennt. Doch verglichen mit den einjährigen Sommerastern (Callistephus), die in unserem Garten damals sehr reich mit dem Löwenmaul um die Wette blühten, sahen die neu kennengelernten Winterastern doch anders aus. Auch den ständig von Mehltau befallenen (also alten Sorten von) Glattblatt-Herbstastern (Aster novi-belgii) ähnelten die neu auf der Bildfläche aufgetauchten rosa Schönheiten ganz und gar nicht. Wieder einmal ging ich in die Harsewinkel'sche Leihbücherei, vertiefte mich in die Lektüre der Gartenwerke und kam dahinter, dass es sich um Chrysanthemen handelte. Nun sahen die Chrysanthemen meiner Jugend völlig anders aus, zumindest die, die ich aus dem Schnittblumenladen kannte. Da gab es die fußballgroßen Deko-Chrysanthemen, die im Herbst immer in unserer Bodenvase standen - am liebsten mochten wir die bronzefarbenen Sorten; die gelben und weißen hatten aber zusammen mit beerentragenen blattlosen Ilex-Zweigen auch ihren Reiz. Außerdem waren die so genannten "Spinnen" sehr modern; die buttergelben Sorten waren allgegenwärtig. Aber eines Tages fanden sich im Blumengeschäft mysteriös rosamalvenfarbig blühende Sorten. Wow! Allgegenwärtig waren damals auch die so genannten Mumies - vielblumige Chrysanthemen, die an farbige Margeriten erinnern. Doch alle diese Chrysanthemen-Blütenkörbe waren viel bis sehr viel größer als die Blümekens aus dem Garten, wenn auch Pflanzenaufbau, Blattform und Geruch durchaus überein stimmte. Um der Sache auf die Spur zu kommen, erstand ich im bald folgenden Herbst zwei Töpfe kleiner pummeliger Chrysanthemen; ich entschied mich für eine strahlend gelbe Sorte; schließlich heißt "Chrysanthemum" übersetzt ja auch nichts anderes als "Goldblume". Die Pflanze nahm sich im Beet sehr niedrig aus, aber die Blüten waren dennoch wesentlich größer als die der mittlerweile verblühten rosa Gartenpflanze. Der Winter kam und ging und im Laufe des kommenden Frühjahrs trieben beide Chrysanthemensorten wieder aus. Doch - oh Wunder - die kompakte Gelbe überholte die kleinblumige Rosafarbene in der Höhe. Rosa blühte wieder eher als Gelb. Genau genommen blühte Gelb nicht, da die sehr spät erscheinenden Knospen den ersten Frösten zum Opfer fielen. Aber gesunde Blätter hatte die Gelbe sowieso kaum noch. Das "Thema Winteraster" ruhte. Die Gelbe hat sich verabschiedet, die Rosafarbene aber hatte besten Zuwachs, blühte treu und reich und ließ sich so gut teilen, dass wir in den folgenden Jahren viele freie Gartenplätze damit bestückten.

RehaugeSzenenwechsel. Studium Gartenbau, auf dem Stundenplan standen die Einflüsse der Tageslängen auf die Blütenbildung von Chrysanthemen sowie der Einsatz von Pflanzenhormonen, genauer gesagt Pflanzenstauchemitteln. Mir ging ein Kronleuchter auf, als mir klar wurde, dass Chrysanthemen als uralte Kulturpflanze für sehr unterschiedliche Zwecke gezüchtet wurden. Da gibt es die Gewächshauschrysanthemen für den Schnitt, die lange Stiele bilden sollten. Durch einen konsequenten Tag- und Nachtrhythmus, der durch Verdunkeln der Bestände vom späten Nachmittag bis zum nächsten Morgen erfolgte, kommen sie zum gewünschten Zeitpunkt zur Blüte. Das gleiche Verfahren wird auch bei den Gewächshauschrysanthemen für Topfkultur angewendet. Zusätzlich werden diese noch mit Stauchemitteln behandelt; nur so bleiben sie im handlichen Format und passen perfekt in die Normmaße der Transportpaletten und in die Höhen der Stapelböden der Transportkarren (= CC-Karren). Pflanzen von der Konfektionsstange!
Bis zu diesem Zeitpunkt mochte ich Topfchrysanthemen. Doch die Vorstellung, dass sie lediglich durch den Einsatz von Chemikalien in ein handelsfreundliches Format gepresst werden können, vergällt mir die Freude. Die Eigenschaften der Chrysanthemen, auf bestimmte Lichtrhythmen mit Knospenansatz zu reagieren, machten sie zur Alljahresblume. Nicht nur in der Blumenvase! Selbst im Frühling habe ich bereits blühende Topfchrysanthemen gesehen, die als peinliches Margeritensurrogat die Schönheit der benachbarten Frühlingsblumen wie Tulpen, Islandmohn und Vergissmeinnicht trübten. Ich halte es für niederträchtig, eine an sich sehr schöne Blume wie die Chrysantheme durch Vermassung so zu entwerten.

NebelroseDoch es gibt sie noch - die Winterastern mit dem zeitlosen Gartencharme. In Staudengärtnereien begegnete ich ihnen wieder. Diese zum Teil über 50 Jahre alten Sorten haben sich bestens bewährt und ihre Vitalität unter Beweis gestellt. Die Blütezeit ist unterschiedlich; frühe Sorten brauchen nur wenige "lange Nächte" und legen bereits im Hochsommer Knospen an, die ab etwa Mitte August aufblühen. Die spätesten Sorten öffnen ihre Blütenkörbe erst ab Mitte Oktober. Steht sie geschützt, wartet die Pflanze durchaus bis zum Advent mit Blüten auf. Ich werde nie vergessen, wie eine nicht gefüllte puderrosa Sorte (ein Geschenk ohne Namenssicherheit einer schwäbischen Nachbarin) neben einer rot geklinkerten Wand noch im November Heerscharen von hungrigen Bienen anlockte. Ebenfalls gut in Erinnerung ist mir die rot blühende Sorte 'Fellbacher Wein', die sich im Hochsommer zwischen all den Staudenstars bestens durchsetzte.
PoesieAber die wirkliche Liebe zu den Gartenchrysanthemen entflammte, als ich die Sorte 'Poesie' im Garten hatte. Eigentlich war sie eine Verlegenheitslösung und passte noch in die Staudenkiste sozusagen als Lückenfüller beim Kauf. Welch ein Gewinn! Die Blüten zeigten sich ab etwa Ende September und dann bis weit in den November. Als ich einmal während einer sehr verregneten Wetterphase einige Stiele abschnitt, um sie vor dem Nässeruin zu retten, erlebte ich das Wunder der Verzauberung, das jeder wirklichen Liebesbeziehung voraus geht: Die Blüten erfüllten den ganzen Raum mit einem süßen, honigartigem Duft. Zugleich tauchte die sehr tief stehende Nachmittagssonne die kobaltblaue Vase auf der Kiefernholz-Kommode in ein goldenes Licht; im Lichtpegel tanzten die mikrofeinen Staubkörnchen einer zentral beheizten Wohnung. Ich konnte nur schweigen und innehalten. So gehört es sich, wenn man einen magischen Moment als solchen erkennt.

Nie wieder lass' ich mir die Chrysanthemen entwerten; nicht einmal durch den "richtigen" Namen, wenn der inflationiert und mit seelenlosen Pflanzen und Blumen assoziiert werden kann. Das ist der Grund, warum ich sie grundsätzlich als Winterastern bezeichne. Wer liebt, muss auch ein wenig stur sein und darf sich ein Stück weit seine eigene Welt schaffen ... jawohl!

 
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