Alle Mythen zur Entstehung der Welt sprechen davon, dass es im Anfang erst einmal ein Durcheinander gab. Bei den Schriften Israels ordnete beispielsweise Jahwe das "Tohuwabohu"; bei den antiken Griechen entstiegen unter anderem Gaia und Eros dem Chaos und entwickelten die bekannte Welt. Aber oft wird die Weltordnung mit geordneter Welt verwechselt. Zur Weltordnung gehört das Chaos ebenso wie alles wohl Sortierte. Immerhin haben wir in der Schule gelernt, dass alle Substanzen sich früher oder (sehr viel) später wieder mischen. Fallen Ordnungsprinzipien weg, etwa Grenzen oder Konturen, gerät selbst das filigranst Geordnete wieder zu einem Einheitsbrei. Das trifft auf organische Substanzen, die nach dem Ableben ihr Wesen verlieren ("ver-wesen") und schlussendlich in Einzelteile zerfallen ebenso zu, wie auf nicht aufgeräumte Zimmer Pubertierender.
Schönheit wird in Ordnung gebracht
Unser Dasein hängt von der Berechenbarkeit unserer Lebensumstände ab. Insofern haben wir eine gewisse Sehnsucht nach Ordnung. Diese spiegelt sich sogar in unserer gängigen Auffassung von Schönheit wider. Forschungen haben ergeben, dass einen makelloser menschlicher Körper und ein ebensolches Gesicht sich im geordneten Ebenmaß offenbart. Alles paarweise Angelegte sollte möglichst bis ins kleinste Detail gleich gestaltet sein. In unserer evolutionsbedingten Wahrnehmung signalisiert eine solches Ebenmaß nicht mehr und nicht weniger als „gute Gene“ und ist deshalb willkommen. Die idealen Proportionen folgen dem so genannten „Goldenen Schnitt“ und kann als Zahlenfolge nach Fibonacci beziffert werden: 1:2:3:5:8:13:21... wenn gewünscht bis ins Unendliche. Ob Leonardo da Vincis Vitruvi-Mann im Kreis oder ein simples Schneckenhaus – der Goldene Schnitt ist allgegenwärtig und Grundlage unseres Harmonie-Empfindens.
Sollte selbst die Schönheit eine reine Ordnungsangelegenheit sein – und die Abwesenheit der Schönheit im Umkehrschluss eine Ordnungswidrigkeit?
Gartenwirklichkeiten
Zugegeben, lange Jahrhunderte galt ein symmetrisch angelegter Garten mit abgezirkelten Beeten als erstrebenswert. Gezirkelt angelegte Beete, penibel sauber gehaltene Beete stehen für gezähmte, geordnete Natur. Etwas anderes sollte ein Garten ja erst einmal noch nicht sein. Er hatte sich abzugrenzen von der Wildnis; schließlich würde diese durch „Wucherwuchs“ alles Gesetzte mit Leichtigkeit und mit Hilfe der Zeit aushebeln. Eigentlich genau das Gleiche gilt für den so genannten „Englischen Landschaftsgarten“. Der hier erstrebte naturhafte Eindruck ist das Ergebnis ausgeklügelt angelegter Sichtachsen. Nichts wird hier dem Zufall überlassen; das sonst sich unweigerlich einstellende Chaos steht durch Abholzung von Überschüssigem, Rasenmahd und Sichtschneisen permanent im Schach.
Doch man muss keinen Landschaftsgarten haben, um mit Strategien gegen das Chaos vertraut zu sein. Alltägliche gärtnerische Aktionen wie Unkrautjäten, Rasenkantenstechen oder das Aufbinden von Pflanzen etwa sind eindeutige Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von Ordnung. Manchmal verkommen Gärtnertätigkeiten aber eher zum Nachweis der eigenen Ordentlichkeit. Nie werde ich vergessen, wie eine Nachbarin in meinem beschaulichen westfälischen Heimatdorf ihre 'Gloria Dei'-Rosen den gesamten Sommer über bereits dann abschnitt, ehe sie sich vollends öffneten. Sie fürchtete, dass ein Blütenblatt den sauber geharkten Sandboden verunzierte. Die Blüten wanderten nicht einmal in eine Vase, wo sie sich noch zwei, drei Tage hätten herschenken können, sondern auf dem Kompost. Das jagte mir Angst ein und gab mir sehr zu denken...
Zulassen können!
Freilich, jeder von uns hat einen Gestaltungswillen und möchte nach seinen Kriterien den Pflanzenwuchs ordnen und formen. Dagegen ist ja solange nichts einzuwenden, solange man den kleinen Chaoten des Gartenlebens hier und da einige Schlupflöcher gewährt. Akeleien waren in dieser Hinsicht meine Lehrmeister. Sie säten sich inmitten einer raffiniert in Gold-, Gelb-, Orange- und warmen Rottöne abgestimmten Rabatte aus. Ich brachte es nicht übers Herz, die hübsch beblätterten zarten Jungpflanzen auszureißen und ließ den Akeleien ihren Lauf … mit dem Ergebnis, dass sie einen blassen Rosaton zu den Feuerfarben beisteuerten. Zuerst fand ich es schauderhaft; später verkaufte ich es den Gartenbesuchern als innovative Idee und am Ende gefiel es mir sogar. Ich machte die Augen auf und sah mich mal im Garten um: Nachtkerzensämlinge streunten zwischen den Mauerfugen herum, Christrosensämlinge machten sich unter den Johannisbeerbüschen breit und das Grönlandveilchen machte nicht einmal vor den kleinsten Spalten zwischen Terrassenplatten halt. Alle diese kleinen Revoluzzer gegen die gärtnergottgegebene Ordnung wuchsen mir sehr ans Herz und ich ließ ein Stück weit ab von meinen absolutistischen Tendenzen.
Perfektion? Nein danke!
Mittlerweile ist mir klar geworden, dass ich nicht auf Perfektion stehe. Eine strenge Ordnung hat etwas Unerbittliches – und auch Unnahbares. Perfekte Schönheit markiert immer einem Idealzustand mit Stillstands-Effekt – so wie man sich als Kind den Himmel vorstellt, in dem von Ewigkeit zu Ewigkeit die goldgelockten Engel ihr Hallelujah singen. Wie öde!
Das hat meiner Ansicht nach nichts mit Vollendung zu tun. Diese liegt gerade im Charme der Unregelmäßigkeit, des Persönlichen. Ein Gesicht kann gewinnen durch eine schiefe Nase, ein paar Falten, einer kleinen Abweichung der Proportionen. Ein Garten wird ungleich spannender, wenn sich Farben hier und da „beißen“, Formen mal miteinander wetteifern, oder die Symmetrie nicht 100prozentig aufgehen. Nur etwas Theoretisches kann (meinetwegen) perfekt sein. Etwas Reales, Erlebbares und Gestaltbares hätte ich lieber vollendet... also mit dem kleinen Schuss von Chaos darin. Es hält die Chose in Bewegung – und ist auf immer neue, liebenswerte und nahe Weise voller Charme. |