Als wir vor mehr als zehn Jahren das alte Haus mit dem alten Garten kauften,
war Winter. Große Bäume standen im hinteren Teil, was der vordere
bringen würde, wussten wir nicht. Aber wir machten Pläne: Weiß-blau
sollte unser Garten blühen, nur weiß und blau, ja nichts Rotes,
ja nichts Gelbes, bloß nicht knallig, wir wollten es geschmackvoll,
allenfalls würde eine blassrosa Shakespeare-Rose geduldet...
Der
Frühling kam und brachte nach den rührenden Schneeglöckchen
hunderte von bunten Krokussen im Beet links. Dann blühten gelb die
Forsythien, erste Frühlingsboten, gegen die ja nun niemand etwas
haben kann. Danach kamen knallrote Tulpen. Und über die alte Mauer
rankte sich im Mai eine blutrote Rose, am Beet rechts brachen gelbe Buschrosen
auf, und links kamen nach den Krokussen unzählige gelbe und rote
Blumen, deren Namen wir erst in Büchern nachschlagen mussten. Der
Garten war genau das, was ich nie gewollt hatte: knallbunt. Was tut man
da? Reißt man alles raus, was eine kluge Gärtnerin über
Jahrzehnte angepflanzt und gehegt hatte?
Wir begriffen bald ihr System - immer, wenn etwas verblüht war,
kam an derselben Stelle etwas Neues, bis tief in den November. Aber alles
war bunt. Unsere Besucher fanden es herrlich, wir mochten gar nicht mehr
hingucken. Die Gartenbücher zeigten etwas völlig anderes! Klarheit!
Stil! Eleganz! Wo immer rote oder gelbe Tulpen erschienen, nahmen wir
die Zwiebeln aus dem Boden und setzten weiße. Das nächste Frühjahr
brachte noch mehr rote und gelbe Tulpen, die Zwiebeln waren alles andere
als weiß gewesen, auch Baumschulen können irren. Wir gaben
nicht auf. Wir legten einen Staudengarten an - Stockrosen, Rittersporn,
Eisenhut in edlem Weiß und Blau. Dazwischen kroch gelborange die
gute alte Kapuzinerkresse
über den Boden. Am Haus rankte sich eine blasslila Glyzinie hoch,
dazu pflanzten wir weiße und blaue Klematis, laut Aufdruck. Sie
wurde rosa. Ich stand im Garten und heulte, weil ich mir den Rücken
krumm arbeitete, und der blöde Garten machte, was er wollte.
Abends starrte ich sehnsüchtig auf die Fotos englischer Landhausgärten
und las in unseren schönen Gartenbüchern, dass der Garten etwas
über den Gärtner aussagt. "Der äußere Garten",
stand da, "ist der Spiegel des inneren Gartens", und so kunterbunt
wollte ich doch nie sein! Irgendwann habe ich kapituliert. Einen neuen
Garten auf plattem Feld, den kann man neu anlegen, und selbst da muss
man die Träume den Realitäten von Licht, Sonne, Boden, Himmelsrichtung
anpassen. Ein gewachsener Garten ist da und bittet nur um Pflege. Schon
sehr viel bescheidener haben wir hier und da Blaues und Weißes gepflanzt,
aber die gelbe Rose darf bleiben, die Krokusse erfreuen uns, den Vögeln
und Igeln ist sowieso alles egal, und die Katzen wälzen sich endlich
nicht mehr im Rittersporn, sondern in der Katzenminze. Das wäre geschafft.
"Beschuldige
nicht die Natur", schreibt John Milton im "Verlorenen Paradies",
"sie hat ihren Teil getan, tu du nun das Deine." Wenn ich mir
ansehe, wie viel geschundene Natur um uns herum ist, habe ich keine Lust
mehr, unserem Garten noch irgendeinen Willen aufzuzwingen. Ich bin froh,
dass er überhaupt da ist, blüht, duftet, in allen Farben strahlt,
und siehe da, als hätte er mich erzogen: Neuerdings trage ich wieder
knallrote Pullover.
Aus "Brigitte" 6/2001
mit freundlicher Genehmigung der Autorin |