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Die Blaue Blume der Romantik

von Jürgen Dahl*
Eine Einstimmung auf die Illertisser Gartenlust 2004: Garten - Traum und Poesie


Brunnera macrophylla 'Hadspen Cream' - Kaukasus-Vergissmeinnicht „Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe, lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand. und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume und betrachtete sie mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stängel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen, ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte.“

Meconopsis betonicifolia - Blauer ScheinmohnSo träumt Heinrich von Ofterdingen in Novalis’ gleichnamigem Roman von der blauen Blume und geht dann auf die Suche nach ihr, ein Leben lang. Der Roman blieb unvollendet, aber aus Ludwig Tiecks Bericht über die geplante Fortsetzung wissen wir, dass Heinrich die Blume schließlich findet – es ist Mathilde, seine verlorene Geliebte.

Da scheint es müßig zu fragen, welche Pflanze Novalis denn mit der „Blauen Blume“, die fortan zum Symbol romantischen Suchens wurde, gemeint haben könnte. Soweit ich sehe, sind weder die Botaniker noch die Germanisten dieser Frage jemals nachgegangen, und auch ich habe die Blaue Blume immer für eine Allegorie gehalten, die sich nicht auf eine bestimmte Pflanze beziehen lässt.

Borago officinalis - BorretschBis ich bei Waverley Root, einem amerikanischen Journalisten, der ein schludriges Buch über essbare Pflanzen und Tiere geschrieben hat, auf die Behauptung stieß, die Blaue Blume sei identisch mit dem Borretsch. Ausgerechnet Borretsch! Er hat raue (nicht „glänzende“) Blätter, und seine Blüten sind zwar himmlisch blau, aber ziemlich klein und fast immer verschämt nach unten geneigt, so dass Heinrich kaum die Chance gehabt hätte, sie als einen „ausgebreiteten Kragen“ zu sehen, „in welchem ein zartes Gesicht schwebte“.

Myosotis palustris - Sumpf-VergissmeinnichtDer Fehlgriff verlockt zu weiteren Erwägungen und Vermutungen. Wie wäre es mit dem Vergissmeinnicht? Es hat ja, wenn auch keinen ausgebreiteten Kragen, im ganzen durchaus etwas Romantisches. Aber als Heinrich von Ofterdingen den Arzt Sylvester besucht, da steht dieser auf, „um ihm ein eben aufgeblühtes Vergissmeinnicht zu holen, das er an einen Zypressenzweig band und ihm brachte“. Keine Rede davon, dass Heinrich im Vergissmeinnicht die Blaue Blume erkannt hätte. Er schluchzt zwar, aber aus anderen Gründen.

Immerhin kommen wir mit dem Vergissmeinnicht der Sache etwas näher. Es spielte nämlich von jeher im Liebeszauber eine vielfältige Rolle und gehörte außerdem zu den „Schlüssel-Blumen“,Cichorium intybus - Wegwarte die in Sage und Volkszauber gerühmt wurden, weil man mit ihrer Hilfe Berge aufschließen und zu verborgenen Schätzen gelangen konnte. In dieser Verknüpfung von Liebe und Schatzsuche entspräche das Vergissmeinnicht mehr als alle anderen Pflanzen der romantischen Grundstimmung und erinnert uns jedenfalls daran, dass das Bild von der Blauen Blume nicht einfach frei erfunden wurde, sondern seinen Ursprung in volkstümlichen Vorstellungen vom Zauber blauer Blumen hatte.

Campanula carpatica 'Karpartenkrone' - Karpaten-GlockenblumeAuch der Silbertaler gehört zu den blauen „Schlüssel-Blumen“. Es gab aber auch eine andere, weniger schätzenswerte Eigenschaft, die man vielen blauen Blumen zusprach: Sie sollten den Blitz anziehen, weshalb man manche auch Blitzblumen oder Gewitterblümchen nannte. Die Glockenblume zählte dazu, auch der Enzian und die Wegwarte. Wer sie abbrach und nach Hause trug, musste befürchten, dass demnächst der Blitz bei ihm einschlagen Delphinium Elatum-Hybride 'Finsteraarhorn' - Ritterspornwerde – was ja vom Liebeszauber gar nicht so weit weg ist.

Im Garten entfalten die (eher seltenen) blauen Blumen ihren eigenen Zauber. Sie leuchten, ohne sich aufzudrängen, sie treten zurück (während das Rot nach vorne springt), und sie lassen uns, ganz romantisch, an die geheimnisvolle Tiefe von Himmel und Wasser denken, auch wohl an klare Edelsteine.

Gentiana acaulis - Frühlings-EnzianGibt es ein „schönstes“ Blau im Garten? Vielleicht: die Züchtungen des Rittersporns (Delphinium) von Karl Foerster, 'Finsteraarhorn' zum Beispiel und der 'Sommernachtstraum', beide tiefenzianblau. Oder, um etwas romantische Ironie, etwas triviale Beschädigung des Erhabenen ins Spiel zu bringen: Das unter der Erde verborgene, nur mit einem Messer sichtbar zu machende nasse Dunkelblau der französischen Trüffelkartoffel.

* Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus:
Dahl, Jürgen, Der neugierige Gärtner.
Waltrop und Leipzig 2002: Manuscriptum Verlagsbuchhandlung

 
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