„Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe, lichtblaue
Blume, die zunächst an der Quelle stand. und ihn mit ihren breiten,
glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige
Blumen von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte
die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume und betrachtete sie mit unnennbarer
Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf
einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter
wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stängel,
die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten
einen blauen, ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte.“
So
träumt Heinrich von Ofterdingen in Novalis’ gleichnamigem Roman
von der blauen Blume und geht dann auf die Suche nach ihr, ein Leben lang.
Der Roman blieb unvollendet, aber aus Ludwig Tiecks Bericht über
die geplante Fortsetzung wissen wir, dass Heinrich die Blume schließlich
findet – es ist Mathilde, seine verlorene Geliebte.
Da scheint es müßig zu fragen, welche Pflanze Novalis denn
mit der „Blauen Blume“, die fortan zum Symbol romantischen
Suchens wurde, gemeint haben könnte. Soweit ich sehe, sind weder
die Botaniker noch die Germanisten dieser Frage jemals nachgegangen, und
auch ich habe die Blaue Blume immer für eine Allegorie gehalten,
die sich nicht auf eine bestimmte Pflanze beziehen lässt.
Bis
ich bei Waverley Root, einem amerikanischen Journalisten, der ein schludriges
Buch über essbare Pflanzen und Tiere geschrieben hat, auf die Behauptung
stieß, die Blaue Blume sei identisch mit dem Borretsch. Ausgerechnet
Borretsch! Er hat raue (nicht „glänzende“) Blätter,
und seine Blüten sind zwar himmlisch blau, aber ziemlich klein und
fast immer verschämt nach unten geneigt, so dass Heinrich kaum die
Chance gehabt hätte, sie als einen „ausgebreiteten Kragen“
zu sehen, „in welchem ein zartes Gesicht schwebte“.
Der
Fehlgriff verlockt zu weiteren Erwägungen und Vermutungen. Wie wäre
es mit dem Vergissmeinnicht? Es hat ja, wenn auch keinen ausgebreiteten
Kragen, im ganzen durchaus etwas Romantisches. Aber als Heinrich von Ofterdingen
den Arzt Sylvester besucht, da steht dieser auf, „um ihm ein eben
aufgeblühtes Vergissmeinnicht zu holen, das er an einen Zypressenzweig
band und ihm brachte“. Keine Rede davon, dass Heinrich im Vergissmeinnicht
die Blaue Blume erkannt hätte. Er schluchzt zwar, aber aus anderen
Gründen.
Immerhin kommen wir mit dem Vergissmeinnicht der Sache etwas näher.
Es spielte nämlich von jeher im Liebeszauber eine vielfältige
Rolle und gehörte außerdem zu den „Schlüssel-Blumen“,
die in Sage und Volkszauber gerühmt wurden, weil man mit ihrer Hilfe
Berge aufschließen und zu verborgenen Schätzen gelangen konnte.
In dieser Verknüpfung von Liebe und Schatzsuche entspräche das
Vergissmeinnicht mehr als alle anderen Pflanzen der romantischen Grundstimmung
und erinnert uns jedenfalls daran, dass das Bild von der Blauen Blume
nicht einfach frei erfunden wurde, sondern seinen Ursprung in volkstümlichen
Vorstellungen vom Zauber blauer Blumen hatte.
Auch
der Silbertaler gehört zu den blauen „Schlüssel-Blumen“.
Es gab aber auch eine andere, weniger schätzenswerte Eigenschaft,
die man vielen blauen Blumen zusprach: Sie sollten den Blitz anziehen,
weshalb man manche auch Blitzblumen oder Gewitterblümchen nannte.
Die Glockenblume zählte dazu, auch der Enzian und die Wegwarte. Wer
sie abbrach und nach Hause trug, musste befürchten, dass demnächst
der Blitz bei ihm einschlagen werde
– was ja vom Liebeszauber gar nicht so weit weg ist.
Im Garten entfalten die (eher seltenen) blauen Blumen ihren eigenen Zauber.
Sie leuchten, ohne sich aufzudrängen, sie treten zurück (während
das Rot nach vorne springt), und sie lassen uns, ganz romantisch, an die
geheimnisvolle Tiefe von Himmel und Wasser denken, auch wohl an klare
Edelsteine.
Gibt
es ein „schönstes“ Blau im Garten? Vielleicht: die Züchtungen
des Rittersporns (Delphinium) von Karl Foerster, 'Finsteraarhorn'
zum Beispiel und der 'Sommernachtstraum', beide tiefenzianblau. Oder,
um etwas romantische Ironie, etwas triviale Beschädigung des Erhabenen
ins Spiel zu bringen: Das unter der Erde verborgene, nur mit einem Messer
sichtbar zu machende nasse Dunkelblau der französischen Trüffelkartoffel.
* Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus:
Dahl, Jürgen, Der neugierige Gärtner.
Waltrop und Leipzig 2002: Manuscriptum Verlagsbuchhandlung
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