Begegnung
Dass bestimmte Pflanzen intensiv duften, manchmal muss man erst alt
werden, um dahinter zu kommen. Dabei begleitete mich die Art, um die
es hier speziell
gehen soll, schon mein Leben lang. Sie war das „Maiengelb“
der Straßengräben in Brandenburg, und sie ist der Schmuck
nach Süden geneigter Bahndämme in Bayern. Die Rede ist von Euphorbia
cyparissias, von der Wolfsmilch schlechthin.
Wolfsmilch, wie gefährlich das klingt! Es könnte sein, dass
in alten Zeiten Wolfsköder mit der weißen Milch bestrichen
wurden. Wir Kinder jedenfalls wurden vor der Giftigkeit dieser Pflanze
gewarnt. Eine Warnung, der man auch heute unbedingt folgen sollte. Vor
allem immer die Hände waschen nach dem Umgang mit allen Wolfsmilch-Arten!
Die
zwiefach gefährliche Zypressen-Wolfsmilch
Sollte ich wirklich gleich am Anfang dieses Beitrages weiter über
die Unannehmlichkeiten dieser Pflanze berichten? Doch, dann haben wir
es hinter uns, und das Schöne kommt hinterher. Euphorbia
cyparissias ist ein Wanderer der ganz besonderen Art. Bei einigermaßen
lockerem Boden breitet sie sich nicht nur dort aus, wo wir sie hingepflanzt
haben. Sie wandert einfach weiter, schiebt sich zwischen andere Stauden
und Kleingehölze und macht nur halt, wo sie durch größere
Pflanzen beschattet wird. Man kann den Spruch „den Teufel mit
dem Belzebub austreiben“ wörtlich nehmen. Artemisia
pontica stellt gleiche Ansprüche, wuchert ebenso. Sie hält
sich mit der Wolfsmilch im Gleichgewicht!
Und doch kann man sie sehr empfehlen
Schwere, nahrhafte Böden sind für diese Art nicht geeignet.
Sie kommt nur für leichte, sandige, nährstoffarme Böden
in Frage. Im bayerischen Garten wächst sie zwischen einer Amelanchier
und dem Kiesweg, den sie besiedelt, so weit sie durch Schritt und Tritt
nicht daran gehindert wird.
Aufmerksame
Staudengärtner haben an Naturstandorten interessante Abweichungen
gefunden und mit Namen versehen. So fällt die im bayerischen Garten
stehende Wolfsmilch durch ihren rötlichen Blattaustrieb auf. Die
Sorte heißt 'Fens
Ruby'. Welch ein Farbspiel, wenn zwischen dem rötlichen Austrieb
rötliche Wildtulpen blühen, z. B. Tulipa humilis. Und
welch ein völlig anderes Farbspiel 10 Tage später, wenn die
Wolfsmilch zitronengelb blüht und dazwischen die gelbweiße
Tulipa tarda.
Den Wild-Tulpen, die diesen Magerstandort lieben, kann die Wolfsmilch
nichts anhaben. Wenn später die Tulpen eingezogen sind, verfärbt
sich die Zypressenwolfsmilch, die Blütendolden gehen ins Rötliche,
die rötlichen Blätter werden grün.
Ein recht starker Duft
Liest man in der Pflanzenduft-Literatur, dann muss man feststellen dass
mit der Umschreibung „Honigduft“ sehr großzügig
umgegangen wird. Dabei ist nicht einmal Honig gleich Honig. Jeder Honig
hat einen eigenen Duft, je nach dem, wo der Nektar hauptsächlich
gesammelt wurde, z. B. in der Heide, im Fichtenwald oder in Robinienbeständen.
Bei der Zypressen-Wolfsmilch aber kann nun wirklich von Honigduft gesprochen
werden, von starkem Duft eines Sommerhonigs mit etwas Lindenanteil.
Oft kann man bei verschiedenen Pflanzen die Bemerkung hören, „das
ist doch keine Duftpflanze, ich kann nichts riechen“. Wie schon
am Anfang bemerkt, habe ich auch einige Jahrzehnte alt werden müssen,
um diesen wunderbaren Duft festzustellen. Mit den Pflanzendüften
ist es nicht immer einfach. Manche Pflanzen duften nur kurz, gerade dann,
wenn der optimale Befruchtungszeitpunkt eingetreten ist. Und dann suchen
sie sich noch eine spezielle Tageszeit und u. U. auch noch eine besondere
Witterungssituation aus. So ist es bei manchen Pflanzen ein Wunder, wenn
man den Duft überhaupt eines Tages wahrnimmt.
|