Begegnung
Es war auf einer Ostfriesland-Exkursion. Nach stundenlanger Fahrt entlang
von Wassergräben und Viehweiden mit unzähligen schwarzweißen
Kühen plötzliche Farbenpracht. Auf fruchtbarem Marschboden,
der sonst dem Weizen und den Kartoffeln vorbehalten ist, Tulpen zu Millionen
auf einem Acker, wie auf holländischen Werbeprospekten.
Der Freude folgte Schrecken, als wir Zeuge einer systematischen Tulpen-Enthauptung
wurden. Maschinell natürlich. Und da der Tulpen-Vermehrer auch Rinderhalter
war, landeten die bunten Blüten in der Futterrinne und im Pansen
der Kühe. „Die Blüten verbrauchen zuviel Kraft, die den
Zwiebeln verloren geht“, so der Landwirt, der sich mit dieser Spezialkultur
ein Zubrot verdiente, wahrscheinlich als Zulieferer einer niederländischen
Firma.
Viele
Jahre später hatte ich beruflich bei Werder in Brandenburg zu tun.
Im Vorbeifahren entdeckte ich eine Brache mit ungewöhnlich dunkelrotem
Mohn. Bei näherer Untersuchung verwandelten sich die Mohnblüten
in Tulpen und die Brache entpuppte sich als ehemalige Vermehrungsfläche.
(Autarkie-Bestrebungen der DDR). Jedenfalls war sie äußerst
reizvoll, diese Verbindung von jungem Gras und Tulpen! Und wenn auch die
prächtigen Zuchtformen mit den Tulpen-Wildarten nur noch wenig gemeinsames
haben, man ahnt die Wesensverwandtschaft der Steppenpflanzen.
Auf den Garten lässt sich das sinnvoll übertragen. Denn die
Gräser,
deren Höhepunkt wir erst im Spätsommer und Herbst so richtig
genießen können, brauchen im April und Mai, zur Austriebszeit,
eine farbige Ergänzung.
Die meisten Tulpen duften
Duftmäßig stehen die Tulpen in einem ungerechten Wettbewerb
mit Veilchen,
Hyazinthen, Narzissen, Flieder etc., aber der Duftcharakter ist interessant
und hat seine besondere Note. Der Duft ist herb, manchmal schwer, erinnert
gelegentlich an Mandeln. Man könnte den Duft mit „männlich“
bezeichnen, obwohl es äußerst gewagt ist, von dem
Tulpenduft zu sprechen. Alle Arten und Sorten unterscheiden sich, dennoch
kann man mit verbundenen Augen immer „Tulpe“ erkennen.
Sie alle duften, die Triumphtulpen, die Darwinhybriden, die späten
einfachen Tulpen und die Lilienblütigen. Charaktervoller
und variabler ist der Duft so mancher heute erhältlicher Wildarten:
z.B. die verschiedenen Tulipa humilis Unterarten, auch Tulipa
tarda und Tulipa turkestanica. Eine Tulpenart allerdings
übertrifft alle anderen. Tulipa polychroma reicht über
das normal Tulpige weit hinaus, liefert zusätzlich einen süßen,
lieblichen und fruchtigen Duftaspekt.
Obwohl „polychroma“ vielfarbig bedeutet, kann man diese Art
als weiß blühend bezeichnen. Erst bei genauerem Hinsehen gewahrt
man eine grünlich-violette Außenansicht und eine gelbe Mitte.
Die wird aber nur bei Sonnenschein gezeigt. Wie überhaupt die Wildtulpen
ihre Blüten zumindest in der Jungphase nur im Sonnenlicht öffnen.
Auf den richtigen Standort kommt es an
Die
großen farbenprächtigen Zuchttulpen und die vielen Wildarten
sind Musterbeispiele für zwei sehr verschiedene Lebensbereiche. Sonne
brauchen beide, doch die Zuchttulpen darüber hinaus einen offenen
Boden, das Beet. Auf der sonnigen Staudenrabatte machen sie den Anfang,
begleitet von austreibenden Gräsern und gefolgt von Frühsommerstauden.
Oder sie kommen auf Wechselpflanzungen, oft in Gemeinschaft mit Vergissmeinnicht
oder Goldlack.
Meist werden sie nach dem Einziehen aus dem Boden genommen, was dem klimatischen
Bedürfnis der Tulpen durchaus gerecht wird, denn in ihren heimatlichen
Gebieten herrscht trockener Sommer. Ist der Boden aber mineralreich und
durchlässig, kann man sie auf Staudenbeeten doch einige Jahre stehen
lassen. Und noch etwas: Zuchttulpen lässt man nicht reif werden.
Man schneidet die Stiele am besten gleich nach dem Abblühen unter
Schonung aller Blätter. Je mehr Laub, desto bessere Blüte im
folgenden Jahr.
Bei den Wildtulpen ist alles anders! Zwar brauchen auch sie einen durchlässigen,
leichten Boden und viel Sonne, aber sie sind Kinder der Freifläche,
der Steppe. Und entsprechend fühlen sie sich in der Gesellschaft
von Steppenpflanzen wohl. Verschiedene Gräser,
Artemisia-Arten,
Aster
linosyris, Thymiane,
wilde Nelken
und vieles mehr eignen sich für solch eine Steppe. Dort machen die
Tulpen einen farbenprächtigen Anfang. Die Fruchtstände werden
nicht geschnitten. Weist der Boden hier und da offene Stellen auf, so
ist eine Vermehrung durch Samen gegeben. Und selbstverständlich nimmt
man die Zwiebeln von Wildtulpen nicht aus dem Boden. Die Blütenhorste
werden von Jahr zu Jahr immer üppiger!
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