Begegnungen
Genau
weiß ich es nicht mehr. Bin ich der Ruta das erste Mal
am Naturstandort begegnet oder war es eine in der Grappaflasche? Die Begegnung
war jedenfalls von nachhaltiger Wirkung. Und wo fand sie statt? Wieder
einmal am Gardasee, in Arco in einem Restaurante oder besser in den Berghängen
darüber.
Der karstige Kalkstein dort mit seinen Rissen und Löchern bietet
der Ruta, zu deutsch Weinraute, offenbar einen optimalen Standort.
Und was da noch alles wächst: Unter anderem Dachwurz – Sempervivum
tectorum, eine besonders schöne Edeldistel – Eryngium
amethystinum, ein zierlicher breitblättriger Lauch – Allium
montanum und der Perückenstrauch – Cotinus coggygria.
Und vieles andere mehr. Im Kalkstein bleibt der Perückenstrauch zierlich,
kriecht mehr, als dass er nach oben strebt und bekommt im milden italienischen
Herbst aufreizend rotes Laub.
Zurück zur Ruta und ihrem Namen
Das
deutsche Wort Raute hat sich aus dem lateinischen Ruta entwickelt,
das mit „bitter schmeckendem Kraut“ übersetzt werden
kann. Der Beiname „graveolens“ leitet sich ab von gravis =
schwer und olens = riechend. In Apulien übersetzt man „graveolens“
mit „übelriechend“. Weinraute wird sie im Deutschen genannt,
weil ihr Aroma an Wein erinnern soll. Die Geschmäcker sind also verschieden.
Aber das kennen wir ja schon.
Die Ruta und ihre Familie
Dass die Ruta die Lieblings- und Nationalblume der Littauer
ist, irritiert. Andererseits macht es uns deutlich, wie winterhart diese
Pflanze ist. Die Familie, aus der sie kommt, schätzt ansonsten nämlich
eher die Subtropen und den mediterranen Raum. Es sind die Rutaceen,
zu denen sie gehört und deren Namenspatronin sie ist. Und das ist
keine ganz unbedeutende Familie: Die Citrusarten und ihre Verwandten gehören
dazu. Die Ruta ist die härteste der ganzen Sippe, obwohl
man auch mit ihr Pech haben kann, wie im letzten Winter.
Aroma, Gift, Medizin, Kraut
Man muss etwas vorsichtig mit der Ruta umgehen. Man kann sie
essen, aber äußerst sparsam. Sie regt den Appetit an, ist nervenstärkend.
Von den Malern der Renaissance ( Leonardo z.B.) heißt es, sie hätten
immer etwas Ruta zu sich genommen, weil sie die Augenkraft stärke.
In der Homöopathie dient Ruta bei Augenentzündungen.
Giftig ist die Pflanze in zweierlei Hinsicht: Empfindliche Menschen können
beim Pflücken Hautentzündungen bekommen. Auch erhöht der
Verzehr u.U. die Lichtempfindlichkeit. Schwangere dürfen keine Ruta
zu sich nehmen weil die Inhaltsstoffe eine abtreibende Wirkung haben.
Ansonsten kann man ohne weiteres ein paar Blättchen mit anderen
Kräutern mischen, z.B. für Kräutersaucen. Hin und wieder
ein Blättchen essen erhöht die Augenleistung (siehe Leonardo!).
Das Aroma der
Ruta ist ungewöhnlich und sehr anregend. Ruta graveolens
verkörpert mit ihrem Aroma das Mediterrane. Nichts Liebliches hat
sie an sich, sondern Herbheit, Bitternis und Eigensinn, wie das Meer.
Und das passt natürlich auch zum Grappa! Der Alkohol nimmt die Bitterstoffe
auf: ein hervorragender Schluck zur Förderung der Verdauung.
Ruta im Garten
Staudengärtnereien führen Ruta graveolens. Meist
die Sorte 'Jackmans Blue', eine graublaublättrige besonders
kompakte Auslese. Wahrscheinlich sind die Auslesen auch winterhärter
als die Wildart vom Gardasee, die man aus Samen ziehen kann. Bei mir
im
Garten wächst sie, aber Ausfälle kommen immer wieder vor.
Die Wildart wächst bizarr, wird bis 70 cm hoch, verholzt im unteren
Bereich. Oft verliert sie im Winter ihr ganzes Laub, treibt aber im Frühjahr
wieder aus. Interessant die gelben Blüten: Die erste, im Zentrum
der Dolde hat fünf Blütenblätter, die darauf folgenden
nur vier!
Der Standort sei sonnig, der Boden kalkhaltig.
Und nun noch winterharte Verwandtschaft
In
der selben italienischen Landschaft, in kalkigem Boden, an warmem, sonnigem
Platz gedeiht der Diptam, Dictamnus albus. Auch er ist eine Duft-
und Aromapflanze durch und durch und dazu noch überaus reizvoll anzuschauen.
Die rosa gezeichneten zweiseitig symmetrischen Blüten stehen auf
einem festen, rauen Stiel, den man mit dem Finger entlangreiben kann,
um das herbe aber auch zitronige Aroma hervorzulocken. Bei starker Sonne
ist der Diptam freigiebig mit seinem Aroma. Dann riecht das ganze Umfeld
danach.
Im humosen Schatten dagegen fühlt sich die immergrüne Skimmia
japonica wohl. Dieses asiatische Kleingehölz gehört auch
zur Zitrusverwandtschaft und natürlich ist auch die Skimmia
mit Blattaroma und Blütenduft gesegnet.
Zu guter Letzt noch ein Baum, der zumindest in den Weinbaugebieten Überlebenschance
hat: Poncirus trifoliata. Er wirft im Herbst die aromatischen
Blätter ab. Blüht im Frühjahr intensiv duftend und trägt
Früchte, die fürchterlich bitter sein sollen, aber in Italien
zu Marmelade verarbeitet werden. Gern werden Kübelzitronen und -orangen
auf Poncirus veredelt, weil diese Unterlage die Frosthärte
steigert.
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