
Begegnungen
Es ist ein großer Dreiklang, der uns im Oktober und November beglückt.
Auch wenn er mit Abschiedsweh verbunden sein mag: Die feucht herben Gerüche
des gefallenen Laubes (vor allem Walnuss!), das bitter-harzige Aroma der
Chrysanthemen
und ihre wunderbare Farbpalette. Es scheint, als wollten sie mit ihren
Blüten die Farben des Herbstlaubes bis zum Frost hinein verlängern.
Erst 142 Jahre in europäischer Kultur
Lange erfreuen sich die Menschen in Europa an diesen Pflanzen noch nicht.
Erst 1862 wurden sie aus Japan nach Europa eingeführt. Und nicht
etwa Wildarten, sondern
bereits großblütige, gefüllte Sorten. In Ostasien, in
China und Japan hatten die Chrysanthemen zu jener Zeit bereits eine 2000jährige
Kulturgeschichte hinter sich. Im alten China war sie die Blume des Kaisers,
noch bis 1911! Sie war und ist das Symbol der Stärke, denn sie beginnt
zu blühen, wenn sich alle übrigen Blumen verabschieden, die
Tage sehr kurz werden und der Winter vor der Tür steht. Noch heute
werden am 9. Tag des 9. Mondmonats in China Chrysanthemenfeste gefeiert
mit Ausflügen zu Chrysanthemen-Ausstellungen, auf denen Profi- und
Amateurgärtner ihre neuesten Kreationen zeigen. Und je verrückter
die Blüten, desto begeisterter das Publikum. (Marianne Beuchert:
Die Gärten Chinas).
Das Problem mit der Frostempfindlichkeit
In
China und Japan - beide Länder haben nicht nur fast arktische, sondern
auch milde, z. T. mediterrane Klimazonen, die bis ins Tropische reichen
- hat die Frostempfindlichkeit nie eine Rolle gespielt. Pflanzen, die
unter so günstigen Verhältnissen wachsen konnten, hatten aber
anfangs mit dem mitteleuropäischen Klima Schwierigkeiten. Dennoch
wurde die Chrysantheme in kürzester Zeit die Erfolgspflanze, etwa
so, wie zur selben Zeit, dem auslaufenden 19. Jahrhundert die Kamelie.
Unter unendlich vielen Neuzüchtungen fanden sich bald auch mehr oder
weniger winterharte Sorten. Der Durchbruch kam aber erst im 20. Jahrhundert,
als der amerikanische Züchter A. Cumming seine Chrysanthemen mit
einer Wildart einkreuzte. So entstanden die Chrysanthemum x koreanum
Gruppe, mit einer damals bemerkenswerten Winterhärte.
Einen Schritt weiter ist der Züchter Eugen Schleipfer gegangen.
Er hat Koreanum-Chrysanthemen mit Grönlandmargeriten, Arctanthemum
arcticum, gekreuzt, wobei eine Menge schöner und winterharter
Sorten entstanden.
Richtig
pflanzen und pflegen
Die Chrysanthemen mögen einen durchlässigen, humosen und nährstoffreichen
Boden. Erstaunlich gut gedeihen sie auf Sand, viel besser als in Lehmboden.
Sonnig soll der Standort sein. In winterkalten, schneearmen Gebieten gibt
man ihnen gern einen Platz vor Mauern oder in Hausnähe. In solchen
Regionen wählt man vorteilhaft Sorten aus, die möglichst früh
blühen, z.B. 'Julchen', eine weiße Pompon-Chrysantheme oder
die bekannte 'Fellbacher Wein' in Leuchtendrot und halbgefüllt. Bei
späten Sorten friert es dann und wann in die Blüte, ein Trauerspiel,
wenn man sich einen Sommer lang auf das Chrysanthemenfest gefreut hat.
Auf der sicheren Seite befindet man sich übrigens mit den sogenannten
Zawadskii-Hybriden, besonders wüchsige, winterharte und früh
blühende Chrysanthemen, die in England zwischen 1938 und den frühen
50er Jahren beim Züchter Gerald Perry entstanden sind, z.B. 'Clara
Curtis', sie blüht rosa, ungefüllt, 'Duchess of Edinburgh' weinrot,
halbgefüllt und 'Mary Stoker' bronzegelb mit einfacher Blüte.
Und
noch ein Hinweis für die Zeit nach der Blüte: Es hat sich als
vorteilhaft erwiesen, die Blütenstiele über den Winter stehen
zu lassen und erst im Frühjahr zu schneiden. Und schließlich:
Wer ganz empfindliche Chrysanthemen hat und behalten möchte, der
sollte sie, bevor Gefahr droht, auspflanzen und ins Haus nehmen. Sie blühen
drinnen auch sehr schön.
Vorsicht: Fabrikchrysanthemen!
Ist es nicht verwunderlich? Die Chrysanthemen sind ausgesprochene Kurztagspflanzen,
d.h. die Knospen bilden sich erst, wenn 12 Tagesstunden unterschritten
werden. Wie aber dann kommen seit geraumer Zeit vom Frühjahr bis
zum Winter üppig blühende Chrysanthementöpfe auf den Markt?
Sie kommen aus der Pflanzenfabrik. Gewächshausanlagen lassen sich
klimatisch voll steuern, auch die Tageslänge natürlich. Und
da wachsen die Töpfe heran, vollautomatisch, kaum dass ein Mensch
sie dabei anzufassen braucht.
Chrysanthemen
lassen sich leicht manipulieren. Doch auch die „Verbraucher“?
Sind die Chysanthemen nicht ausgesprochene Herbstblumen, ja sogar mit
gewissem „Allerheiligenimage“? Nun, dem konnte abgeholfen
werden. So uralte Kulturpflanzen lassen sich züchterisch auf den
Kopf stellen. Und so entstanden frühlingsfrische und sommerfarbige
Sorten, die sich jederzeit verkaufen ließen.
Verwerflich wird es dann, wenn solche Töpfe im Herbst angeboten
werden mit dem Hinweis, sie seien winterhart. Das sind sie absolut nicht.
Wer sie
im Herbst pflanzt, kann im Frühling nur tote Strünke in Torf
aus dem Boden ziehen. Und das gilt auch für winterharte Chrysanthemen
vom Staudengärtner. So spät im Herbst blühende Pflanzen
muss man im Frühling pflanzen, damit sie Zeit haben, kräftige
Wurzeln zu bilden und sich zu bestocken.
Überreicht man sich in China eine Chrysantheme, dann heißt
das unausgesprochen „Auf ein langes Leben!“ Eine Chrysantheme
für ein paar Wochen, das ist unchinesisch und eigentlich auch unkultiviert!
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