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Illertisser Gartenlust 2010

Motto: Garten - Im Wandel der Zeiten
von Andreas Barlage

Garten im Wandel der Zeit

 

Vom Bewahren und Hüten

Was war eher da? Der Garten – oder die ersten Lebensgemeinschaften der Menschen, die ihr Nomadentum aufgegeben hatten, um sesshaft zu werden? Fest steht: Das eine geht nicht ohne das andere. In unserem kollektiven Gedächtnis ist der Garten jedenfalls tief verwurzelt. So tief, dass zumindest einer der beiden biblische Schöpfungsmythen in einem Garten lokalisiert ist. Bereits die Beschreibung in der Genesis veranschaulicht sehr gut das Wesen eines Gartens. Eden war nämlich ein begrenzter Ort. Es waren allerdings keine Hecken oder Mauern, die ihn umschlossen, sondern vier Flüsse. Der Schöpfer handelt nun einmal im eher großen Maßstab – dafür aber sehr konsequent und ausgesprochen vielfältig, einfallsreich und akribisch detailverliebt.
Hier wären wir bei einem zweiten wesentlichen Merkmal eines Gartens: Er besteht niemals aus einer Monokultur (ganz im Gegensatz zu etwa einem Getreidefeld). Stets wachsen sehr unterschiedliche Pflanzen in ihm. Und selbst Tiere waren Gartenbewohner. Und wer war der Gärtner? Anfangs sicher nicht der Mensch. Er dämmerte in einer Art vorbewusstem Schlaf dahin, bis ihm klar war, dass er ein Gegenüber auf Augenhöhe vermisste. Bekanntlich trat dann der zweite Mensch auf dem Plan – unterschiedlich und doch wesensgleich – und die geistige Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten. Jede Erkenntnis zieht das Bedürfnis nach dem Durchschauen weiterer Zusammenhänge nach sich. Hier leitet der biblische Bericht über in die Beschreibung fortschreitender Geistesgeschichte, inklusive Irrungen und Wirrungen. Kein Wunder, dass Eden da immer unwichtiger wurde. Aber stimmt das eigentlich?

Sehnsucht nach dem Paradies

Die Schöpfungsgeschichte berichtet weiter, dass die Menschen ihr Paradies verloren – oder haben sie es lediglich gegen den Weg in die Erkenntnis eingetauscht? Zumindest vermissen sie den überschaubaren Garten, dem sie entwachsen sind. (Ein Vermissen, das dem Hinterhertrauern des Elternhauses gleicht; auch das musste jeder von uns verlassen, um auf eigenen Füßen zu stehen …). Sei es drum - man merkt erst beim Verlust, wie wichtig das Verlorene tatsächlich ist. Die Sehnsucht nach dem Garten in dem einst alles im Lot war, hat die Menschen seither nicht mehr losgelassen. Schließlich war man dort sicher und bestens versorgt; selbst die Tiere taten weder den Menschen etwas zuleide, noch gefährdeten sie die ausreichende Ernte an allem Nahrhaften. Und so taten die Menschen seit alters her das Naheliegenste: Sie schufen sich etwas, das dem Verlorenen ähnelt und kreierten ihre Gärten. Allen Gärten gemeinsam ist, dass ihre Räume nach außen hin abgegrenzt sind und inmitten sich ihr Reichtum entfaltet. Gärtnerisches Talent zeigt sich im Schutze eines Zaunes, einer Mauer, einer Hecke oder einer sonstwie gestalteten Begrenzungen.

Was ist eigentlich ein Garten

Im Orient sowie auch in Ägypten waren solche Gärten bekannt. Für das Gros der Bevölkerung dienten sie vorwiegend für den Anbau von Gemüse und Früchten. Fast immer boten sie Schatten und Rastplätze – und meist hatten sie eine Wasserstelle oder Wasserquelle. Nicht nur Pflanzen fanden Schutz im Garten; auch Menschen zogen sich dorthin vor der sengenden Sonne zurück oder genossen die Stunden von der Dämmerung bis hin zur Nacht. Mehr und mehr geriet der Erholungseffekt in den Vordergrund zumindest betuchter Menschen, und die ersten Lustgärten entstanden. Gewöhnlich waren diese Gärten Atrium-Gärten inmitten eines Hauses oder grenzten direkt am Wohngebäude an und waren mit einer dicken, hohen Mauer umgeben. Sehr viel später übernahmen die Römer das Konzept des umbauten Gartens in ihren Villen und großen Stadthäusern; ein erster Höhepunkt gärtnerischen Schaffens war damit erreicht.

Natur und Kultur

Die Vorstellung vom irdischen Paradies als Garten ist uns zwar durch die Bibel vermittelt – doch längst nicht in allen Kulturen war ein umfriedetes Gärtlein das Nonplusultra an vollendeter Lebensfreude. Die Griechen der Antike sahen die Sache etwas pragmatischer; für sie waren die Gemüsefelder eher Mittel zum Zwecke des Nahrungserwebs. Ihre wichtigsten Kulturpflanzen – Weinstock und Olivenbaum – brauchten viel mehr Platz als etwa ein Garten am Haus bieten könnte. Solche Haine hingegen galten als heilig. Meist waren sie Apollon, Dionysos oder Athene geweiht. Es galt, selbst in kriegerischen Zeiten, als ungeheuerlicher Frevel, etwa einen Olivenhain zu zerstören; schließlich brauchte es mindestens eine Generation, ihn aufzubauen. Gewissermaßen bildete der Glaube an die tadelnde Gottheit einen Schutz für diese Mega-Gärten. Funde (alt-)griechischer Gärten sind kaum überliefert. Vielleicht war das Lebensgefühl der Menschen damals umfassender, und für sie war die ganze Welt, die Natur, ihr Garten. Jeder weiß durch die zahlreichen Sagen, dass die Griechen Pflanzen sehr genau beobachteten und liebten – von der Narzisse zur Rose, vom Lorbeer zum Eisenhut. Lediglich eine Andeutung für einen Garten gibt es – den Hesperidengarten in dem die Äpfel gehütet wurden, die ewige Jugend verliehen. Ist es nicht eine erstaunliche Parallele zu Eden? Der Hesperidengarten lag dem Mythos nach dort, wo die Welt ein Ende hat. Vermutet wurde er in Afrika ... liefert das nicht möglicherweise einen weiteren Hinweis auf die orientalische Herkunft des Gartens?

Hortus conclusus

Das mittelalterliche Abendland hatte als Nachfolger des römischen Weltreiches hinsichtlich gärtnerischer Kultur erst einmal wenig zu bieten. Lediglich Klostergärten und Gärten kaiserlicher Meiereien können als Nachweise gelten. Im Laufe der Jahrhunderte, etwa im ausgehenden Mittelalter zeigten sich abgeschiedene Gärten in zahlreichen Kunstwerken, wie Buchillustrationen, Wandteppichen oder Gemälden: Der Hortus conclusus wurde zum Idealbild eines Gartens. Meist fand sich dort eine verträumte Jungfer, die ein Einhorn zähmte oder es lustwandelten fröhliche junge Menschen darin. Sehr oft ruhte in besinnlicher Manier die Ikone der Weiblichkeit – Maria die Mutter Jesu – oder eine ähnlich unerreichbare Dame, der man aus der Ferne seine Minnedienste leistete, in einem solchen Garten. Umgeben von passenden, sprich symbolträchtigen Blumen, versteht sich. Solche Klassiker sind neben Rosen und Lilien beispielsweise die Iris, Akeleien, Veilchen, Erdbeeren, Maiglöckchen oder gelegentlich auch die Pfingstrose. Der Hortus conclusus war eine Metapher für das Lebensgefühl mittelalterlicher Menschen. Man wollte sich versenken in fromme Gedanken und der Hang zur Mystik war durchdrungen von der Sehnsucht nach Gott. Eine beschützte, gefahrfreie und zugleich inspirierende Umgebung ist dafür natürlich ideal.

Spiegelbild der Seele?

Doch das mittelalterliche Denken wandelte sich – und mit ihm die Gärten. Menschen wollten sich zeigen, sich darstellen. Renaissance– und vor allem die Barock-Gärten sind völlig anders aufgebaut. Offen, repräsentativ und höfisch raffiniert. Später kamen englische Landschaftsparks in Mode, während in der Biedermeierzeit kleinere Gärten durchaus auch geschätzt wurden, passten sie doch zur betulichen Sehnsucht nach dem trauten Heim. Während der Gründerzeit gab es Mischformen aus pompöser Zurschaustellung von Pflanzenkostbarkeiten und schlossartige Ornamentik. Legere Cottage-Gärten mit den "mixed Borders" wurden im 20. Jahrhundert modern, nach den Weltkriegen setzten sich Koniferen und Gräser für ein, zwei Jahrzehnte durch und heute registrieren wir eine Vielfalt (oder Inflation?) der Gartenstile. Wie bei der Architektur, der Kleidung und den Frisuren schlägt sich in der Gestaltung immer wieder der Zeitgeist nieder.

Aber was soll man dann zu den gestalterischen Wüsten sagen, die mittlerweile durch Baumarkt-Angebote definiert wurden? Was ist mit den Kirschlorbeer- und Scheinzypressenhecken, die nur blickdicht sind und unverändert sommers wie winters dastehen? Welche Ausstrahlung haben Bepflanzungen, denen man auf den ersten Blick ansieht, dass sie lediglich pflegeleicht sein sollen? Wo ist die Liebe zu den Pflanzen und zum Hüten und Bewahren geblieben, die einen wahren Gärtner auszeichnet angesichts der Fix-und-Fertig-Pflanzen aus dem Supermarkt?
Sollte nicht der Spiegel unserer Seele ein Abbild der Hoffnung auf unser eigenes Paradies sein?

Ganz gleich, ob der Garten klein ist oder groß. Immer, aber auch immer hat er Grenzen innerhalb derer wir als gärtnernde Menschen entscheiden, wer und was dort hinein kommt. Es ist an uns, gegen was wir ihn (und uns) abschirmen. Wir sind nicht verpflichtet, Gentechnik oder Pflanzen aus Fabriken dort zu akzeptieren. Noch gibt es genug Alternativen, die wir durch unsere (Kauf-)Entscheidung erhalten können. Ein Garten ist seit Anbeginn ein Gegenentwurf zu "harten" äußeren Realitäten gewesen. Anfangs war es die Wildnis, gegen die man sich abschotten musste – heute haben wir Menschen unsere Wildnis selbst kreiert und können sie uns wenigstens dort vom Leibe halten. Als unverfügbarer Raum kann ein Garten mit uns aufblühen und eine auf allen Ebenen wohltuende Wechselwirkung unserer Seele und dem Stückchen Erde kommt in Gang. Wer einen Garten hütet und bewahrt, kümmert sich auch um sich, denn Paradiese schaffen wir uns immer selbst.

 
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