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Zauberhafte Weißröckchen

Denn diese zarten kleinen Hoffnungsträgerinnen vermögen es mehr als alle anderen tapfer dem Spätwinter widerstehenden Frühblüher, in uns die Vorfreude auf die erwachende Natur zu wecken. Auch die prächtige Verwandtschaft der Märzenbecher (Leucojum vernum), die ein paar Wochen später ein rauschendes Fest in Gärten und Wäldern feiern wird, kann daran nichts ändern. Die erste, schon mitten im Winter aufkeimende Hoffnung auf Wärme, Licht und neues Leben verbinden wir von jeher mit den zarten, bescheiden daherkommenden Weißröckchen.

Was aber hat das mit dem eingangs erwähnten stattlichen Geldbetrag zu tun? – Nun, die Lust am Sammeln und Jagen hat sich ganz offensichtlich tief in uns einen Platz bewahrt und im Laufe der letzten Jahrhunderte die sonderbarsten Blüten getrieben. Denken wir nur an die Tulpomanie, diesen Wahn, der nach halsbrecherisch eskalierender Spekulationswelle im Jahr 1637 (man weiß es tatsächlich so genau) jäh kollabierte, ungezählte Existenzen vernichtete und so etwas wie den allerersten „Börsencrash“ der Geschichte markiert.

Na, so schlimm wird es für die „Galanthophilen“, also die ständig wachsende Gemeinschaft der Schneeglöckchen-Jäger, wohl nicht kommen. Diese Leidenschaft ist, wie soll es anders sein, über England und die Niederlande zu uns gelangt. Denn wer denkt, es gibt nur das EINE Schneeglöckchen, der lasse sich belehren, dass neben dem wohl allen bekannten Galanthus nivalis inzwischen viele hundert Sorten kultiviert werden. Ständig kommen neue hinzu, zum einen durch Kreuzungsversuche, aber oft auch durch aufmerksame Sammler, die in ihren Beständen Naturmutationen entdecken und auslesen. Was gibt es nicht schon alles in der Palette: Gerüschte kleine Prinzessinnen oder hohe, sogar für den Schnitt geeignete Sorten wie die großblütige 'Sam Arnott' mit ihrem köstlichen Honigduft, die wunderschön gefüllt blühende 'Hippolytha' mit langen, zart grün angehauchten äußeren Blütenhüllblättern und zierlichem, aber vitalen Wuchs. Eine lustige Laune der Natur ist 'Grumpy', dieses drollige Kerlchen schmückt eine grüne Zeichnung der Innenpetalen, die an ein grimmiges kleines Schmollgesicht erinnert. Endlos könnte man die Reihe weiterführen. Die derzeit teuerste Galanthus-Anschaffung dürfte 'Joe Sharman' sein (Galanthus plicatus subsp. byzantinus) – ein winziges Zwiebelchen des zarten Geschöpfs ist für stolze 420 Euro zu haben.

Wenn solche Zahlen infektionsbereite Gartenfreunde nicht abschrecken, können sie sich dem Thema zur besten Schneeglöckchenzeit nähern, indem sie eine der auch hierzulande immer häufiger werdenden „Galanthus-Galas“ besuchen (sie heißen wirklich so, aber keine Sorge, außer den Objekten der Begierde macht sich hier niemand schick). Dort mische man sich mit offenen Augen und Ohren unter vorsichtige Schnupperer, erfahrene Jäger, zielstrebige Sammler und unheilbare „Süchtige“, nehme mit Erstaunen wahr, dass zwar tatsächlich mehrere hundert Euro für die rarsten und begehrtesten Sorten gezahlt werden, man aber auch schon für sehr zivile Beträge kleine Kostbarkeiten nach Hause tragen kann.

Nicht mit dem Sammler-Gen behafteten Gartenfreunden sei gesagt, dass unsere ganz „normalen“ Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) nicht weniger charmant sind. Mit ihnen einen üppigen Bestand zu schaffen, ist nun wirklich keine finanzielle Herausforderung, und der zauberhafte Anblick einer blühenden Schneeglöckchenwiese der verdiente Lohn!

Für heute macht die Gärtnerin Feierabend – Das nächste Mal nehmen wir uns "Großes" vor – mehr wird erst einmal nicht verraten…


Text und Fotos: Angelika Traub