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Ein Pionier des Gartenbaus

1685: in Eisenach wird Johann Sebastian Bach geboren. Im selben Jahr kommt in Erfurt Christian Reichart zur Welt. Sie werden sich kaum begegnet sein, obwohl anzunehmen ist, dass Reichart von Bach wusste, ja Musik von ihm auf der Orgel gespielt haben dürfte.

Wer war dieser Reichart? Dazu vorweg ein paar Anmerkungen zur Agrargeschichte der Stadt Erfurt. Diese Stadt und ihre Umgebung war vom 11. bis zum 16. Jahrhundert das Hauptanbaugebiet und die internationale Handelszentrale für die Färberpflanzen Waid (Isatis tinctoria) und Saflor (Carthamus tinctorius). Doch ab dem 17. Jahrhundert wurde das indische Indigo importiert, und der heimische Färberpflanzenanbau brach zusammen. Obst- und Weinbau blieben erhalten, ein kleiner Ersatz war der Anbau von Gewürz- und Heilpflanzen. Nun war der Erfurter Raum klimatisch und von der Bodenqualität her besonders geeignet für jede Art von Pflanzenbau, insbesondere aber für Gemüse. Diesen Gemüseanbau vorangetrieben und auf wissenschaftliche Beine gestellt zu haben, ist der Verdienst von Christian Reichart.

Dabei war er mit vielen anderen öffentlichen Ämtern und Funktionen mehr als ausgelastet. Als Jurist war er im Erfurter Stadtrat tätig, war Oberbauherr, Ratsmeister und Assessor. Und er spielte 16 Jahre lang die Orgel seiner Gemeinde.

Dass man aber noch heute von diesem Barockmenschen aus Erfurt spricht, und die Erfurter ihm Denkmäler gesetzt haben, das hängt mit seiner gartenbaulichen Pionierarbeit zusammen. Dabei war er im Acker- und Gartenbau Autodidakt. Sein Stiefvater, ein Landwirt, hat ihn mit dem Metier vertraut gemacht, in dem er später so Großes leistete. Reichart erbte die Ländereien seines Stiefvaters, sie wurden das Versuchsareal Reicharts. So war in Erfurt Brunnenkresse ein beliebtes Grünzeug, das man draußen an Bächen erntete. Reichart hat ihre Anbaubedingungen erforscht und den Anbau forciert. Im Dreienbrunnengelände, das drei zuverlässig fließende Quellen speiste, wurden nach seinen Angaben Wasserbeete angelegt. Im langsam fließen Quellwasser, das auch im Winter noch 8° warm war, wuchs die Kresse. Zwischen den Wasserbeeten baute man Gemüse an. Erfurt wurde damit zur Brunnenkressenstadt. Napoleon, der sich die Anlagen ansah, „importierte“ das Verfahren 1809 nach Paris.

Reichart revolutionierte den Gemüsebau. Er entwickelte Geräte, mit denen man leichter und produktiver arbeiten konnte, Geräte, die es im Prinzip noch heute gibt. Er kümmerte sich um Pflanzenhygiene, machte auf die Wichtigkeit des Bodenaustausches aufmerksam und er erfand eine 18-teilige Fruchtfolge in einer Zeit, als die Dreifelderwirtschaft noch das A und O war. Weil man Gemüsesamen noch von weit her importieren musste,  Blumenkohlsamen kamen von Zypern, setzte Reichart alles daran, die Gemüsezucht in Erfurt voranzutreiben, bodenständige Sorten zu schaffen. Das gelang ihm so gut, dass sich die Stadt bald zu einem Zentrum für Gemüse- aber auch Blumenzucht entwickelte. Das regenarme Klima im Süden des Thüringer Waldes war wie geschaffen für den Saatgutanbau.

Damit die Erfahrungen und die Hintergründe nicht verloren gehen, schrieb Reichart ein sechsbändiges wissenschaftliches Werk, das den sehr populären Namen Land- und Gartenschatz trug. Es wurde 1753 verlegt. Als einflussreiche Persönlichkeit in der Erfurter Stadtverwaltung setzte er sich für eine wissenschaftliche und praktische Ausbildung der Gärtner ein.


Text und Fotos: Christian Seiffert