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Das Ende der Welt liegt in einem Garten

Als ich den Schlosspark Schwetzingen besuchen durfte, hatte ich das große Glück, dieses gartenkünstlerische Kleinod im prächtigen Herbstkleid zu erleben. Die Laubengänge, die das raffinierte Kreisparterre von Hofgärtner Johann Ludwig Petri vor dem Schloss rahmen, leuchteten wie Fackeln in Sonnengelb, der wilde Wein rankte sich malerisch in aufregendem Purpur um Statuen und an Mauern entlang. Wenn man die Pfade des vorwiegend barock gestalteten Gartens Kurfürst Carl Theodors verlässt, gelangt man in einen landschaftlich gestalteten Parkbereich mit zahlreichen Blickpunkten, unter anderem zwei Tempeln, einem Naturtheater, einem römischen Wasserkastell und einer Moschee. Letztere war ein Ausdruck des wachsenden Interesses an anderen Kulturen und Glaubensrichtungen in dieser Zeit.

Als Rückzugsort von seinen anstrengenden Regierungsgeschäften ließ sich Kurfürst Carl Theodor zwischen 1768 und 1775 einen ganz besonderen Ort in seinem Schlosspark bauen. Im so genannten „Badhaus“, einem kleinen Lustschloss, gab sich der Fürst seiner Neigung zu Kunst und Literatur hin und führte Gespräche, die nicht für aller Ohren bestimmt waren. Umgeben von Gitterwerk, Mauern und Hecken war man im Badhaus vor allzu neugierigen Blicken geschützt. Der Eingangsbereich gibt den Weg frei in ein privates Arbeitszimmer sowie das namengebende prunkvolle Badezimmer, das grottenartig mit Stuck und Halbedelsteinen ausgestattet ist. Dort wird eine in den Boden eingelassene ovale Marmorwanne über zwei elegante Rohre befüllt, die die Form von Schlangen haben. Nach einem entspannenden Bad lockte es den Kurfürsten Karl Theodor vielleicht zu einem Spaziergang ans „Ende der Welt“.

Das Ende der Welt? In Schwetzingen? Ganz genau, Sie haben richtig gelesen. Doch entgegen den negativen Gefühlen, die dieser Name vielleicht auslösen mag, handelt es sich bei diesem „Ende der Welt“ um eines der faszinierendsten Gartenelemente des Schwetzinger Schlossparks, das den intimen Bereich des Badhauses abschließt. Vorbei an einem Bassin mit unterschiedlichsten künstlichen Vögeln, die aus luftiger Höhe Wasser speien, weitet sich der Blick des Gartenbesuchers hin zu einem langgestreckten Laubengang aus dunkelgrünem Holzgitterwerk. Am Ende dieses grünen Tunnels, der derzeit von malerisch rotem Weinlaub zusätzlich geschmückt wird, glaubt man in eine romantische Flusslandschaft hinauszublicken.

Doch dieser „Hingucker“ mit seinem warmen Abendlicht ist in Wirklichkeit nur ein „Trompe-l’oeil“, eine gemalte Augentäuschung. Dass man in eine idyllische Landschaft zu blicken meint, wird durch einen raffinierten Kunstgriff erreicht. Am Ende des Laubengangs befindet sich ein mit Halbedelsteinen, Muscheln und Malerei verzierter Pavillon, der sich nach hinten hinaus öffnet. Hinter dieser Öffnung wurde eine leicht konkave Wand erbaut, auf die in Freskotechnik das erwähnte Landschaftsbild aufgetragen wurde. Durch die Dunkelheit des Laubengangs wird der Blick geradezu magisch zu diesem wunderbaren Bild gezogen. Und noch ein Clou: Wechselt man als Betrachter seinen Standort vor dem Bild, so ändert sich auch die in warmes Licht getauchte Flusslandschaft. Der eine mag ein solches Gartenelement genial, ein anderer mag es kitschig finden. Doch keiner kann sich so ganz dem romantischen Eindruck entziehen, der in dem ansonsten so streng barocken Schwetzinger Schlosspark einen spannenden Kontrapunkt setzt. Und wann besuchen Sie das „Ende der Welt“?


Text und Fotos: Antje Peters-Reimann